Vladimir Zeev Jabotinsky
Leseprobe
„Das passt irgendwie nicht zusammen. Das Sie Nietzscheaner sind, weiß ich von Serjosha; aber die erste Voraussetzung dafür ist doch, dass man weiß, was Nietzsche will“.
Er wurde kein bisschen verlegen – im Gegenteil, er erklärte ganz aufrichtig und auf seine Weise logisch: „Ich habe versucht, ihn zu lesen; ich besitze fast alles, was auf Russisch erschienen ist; wenn Sie möchten, kann ich es Ihnen zeigen. Wissen Sie, ich lese überhaupt eine Menge; aber ich bin nun einmal seltsam beschaffen – wenn ich etwas selbst lese, verstehe ich das Wesentliche nie; das betrifft nicht nur die Philosophie, sondern sogar Gedichte und Belletristik. Ich brauche immer jemanden, der mich anleitet, der mit dem Finger draufzeigt und sagt: Das ist es! Dann wird mir sofort alles klar.“
Hier stockte er ein wenig und setzte hinzu: „Meine Familie und auch meine Kameraden denken alle, ich sei einfach ein Dummkopf, wissen Sie. Das glaube ich nicht; aber eines ist wahr – ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit ihrem eigenen Kopfdenken sollten. Wissen Sie, ich gehöre zu den Menschen, die immer zuhören sollten.“
(Ausschnitt aus: Die Fünf – Eichborn Verlag/ Die Andere Bibliothek)
Inhalt
Wir schreiben Odessa um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert: Der Verfasser schildert seine Begegnungen und Erlebnisse mit der jüdischen Familie Milgrom und deren fünf Kinder Marussja, Marko, Lika, Serjosha und Torik. Dabei handelt es sich nicht um eine chronologische Familiensaga, sondern um die Darstellung wichtiger und einschneidender Erlebnisse, die Betrachtung einzelner Personen und deren Handeln im Kontext der sozialen Umwälzungen (inkl. dem Aufstand des Panzerkreuzers Potjomkin), die eigenständige Entwicklung der einzelnen Kinder und ihrem realen oder sinnbildlichem „Untergang“…
Biographie
Vladimir Zeev Jabotinsky wurde 1880 in Odessa geboren und wurde ursprünglich traditionell jüdisch erzogen, entwickelte sich mit der Zeit vom theologischen Judentum weg, studierte Rechtswissenschaften und wurde später Journalist. Mit Anfang Zwanzig begann seine zionistische Tätigkeit, der er bis zu seinem Tod 1940 in den USA verbunden blieb.
Jabotinsky war neben seiner Tätigkeit als Journalist sowohl als Politiker als auch Hebraist tätig, daneben verfasste er Theaterstücke, Novellen und Gedichte. Sein Roman Die Fünf erschien 1936.
Bewertung
Ein sehr interessanter Roman, der anhand der fünf charakterlich sehr unterschiedlichen Milgrom-Kinder den gesellschaftlichen Wandel sowie dessen Auswirkungen in einer Zweit des Umbruchs in Odessa bzw. Russland Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt – empfehlenswert!