Eine Straße in Moskau

    Michail Andrejewitsch Ossorgin

     

    Leseprobe

    Grigori übergab die Ausweisdokumente und sagte leise:

    „Der Herr haben weder Arme noch Beine. Was wollen Sie mit so einem?“

    Der Kommandant blökte:

    „Das ist nicht meine Sache. Wir haben Weisung, ihn vorzuführen. Daran gibt es nichts zu deuteln. Laufen kann er ja wohl?“

    „Wenn ich doch sage, dass er weder Arme noch Beine hat.“

    „Mir ist das eins. Und wenn er keinen Kopf hätte. Der Befehl ist eindeutig, da brauchen wir nicht weiter zu verhandeln. Pass bloß auf, dass wir dich nicht auch noch mitnehmen.“

    „Das können Sie nicht machen, ich kümmere mich doch um ihn.“

    „Du bist wohl sein Kindermädchen? Und so jemand nennt sich Soldat.“

    „Ja und, dann bin ich eben sein Kindermädchen. Da muss ich dich nicht fragen.“

    „Jetzt werde mal nicht frech, Genosse. Sonst wirst du zur Rechenschaft gezogen. Und jetzt hilf dem Herrn beim Aufstehen.“

    „Du Aas, hast du überhaupt selbst im Krieg gekämpft? Oder bekämpfst du nur Offiziere?“ 

    (Ausschnitt aus: Michail Ossorgin – Eine Straße in Moskau – Eichborn Verlag/ Die Andere Bibliothek)

     

    Inhalt

    Das Eckhaus der Straße Siwzew Wrashek: Beginnend in den Vortagen des 1. Weltkriegs wird die Zeit und das Geschehen in und um das Haus des Professors für Ornithologie Iwan Alexandrowitsch sowie seiner Mitbewohner und Besucher geschildert – bis hin zur Revolution und der damit einhergehenden Machtergreifung der Bolschewiki. Das Leben und Sterben, Armut und Hunger, Leid und Verfolgung, Liebe und Fürsorge, Idealismus und Pragmatismus prägen das Sein der Menschen in der damaligen Zeit auf unterschiedlichsten Weisen und Wegen…

     

    Biographie

    Michail Andrejewitsch Ossorgin wird 1878 in Perm geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und arbeitete daraufhin am Handelsgericht. Schon zu Beginn des Jahrhunderts knüpfte er Kontakte zu den Sozialisten, 1904 trat er der Partei der Sozialrevolutionäre bei. Konspirative Treffen in der eigenen Wohnung, Unterstützung von flüchtigen Terroristen und Teilnahme an der Russischen Revolution von 1905 brachten ihn in Konflikt mit dem Gesetz und Verurteilung; aufgrund von Kaution beschränkte sich diese jedoch nur auf sechs Monate. Er floh aus Russland und ließ sich in Italien nieder, wo er 1911 aus der Partei der Sozialrevolutionäre austrat.

    1916 kehrte Ossorgin zurück nach Moskau, wo er als Journalist tätig war. Nach der Machtübernahme der Bolschewiki kam es wiederholt zu Konflikten und Verhaftungen durch die Tscheka kam es 1921 zum Todesurteil, was jedoch durch Intervention des Völkerbundes unter Führung des norwegischen Diplomaten Fridtjof Nansen abgewendet werden konnte. 1922/23 erfolgte die Emigration über Berlin nach Paris, wo er bis zum Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1940 lebte. Bis zu seinem Tod 1942 lebte er in Chabris.

     

    Bewertung

    Ein sehr gutes Buch, in dem es Michail Ossorgin gelingt, den Mikrokosmos im Eckhaus der Straße Siwzew Wrashek darzustellen: Feinsinnig und tiefgreifend erzählt er die Veränderung der einzelnen Protagonisten in den Wirren der Revolutionszeit – korrelierend mit dem langsamen und stetigen Verfall des Hauses… absolut lesenswert! 

     

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