Petersburger Tagebücher 1914-1919

    Sinaida Nikolajewna Hippius 

     

    Leseprobe

    Ich beende, wie es aussieht, meine Aufzeichnungen in der Hölle. Im Übrigen war die Hölle in Moskau, bei uns ist noch die Vorhölle, d.h. man drischt nicht mit schwerem Geschoss auf uns ein und erwürgt uns nicht in unseren Häusern. Die Moskauer Bestialitäten sind nicht übertrieben, eher untertrieben.

    Es ist sehr seltsam, was ich jetzt sage. Aber mir ist es… LANGWEILIG, zu schreiben. Ja, in dem roten Nebel, diesen fürchterlichen und unerhörten Grausamkeiten, auf dem tiefsten Grund der Sinnlosigkeit liegt – Langeweile. Erst Wirbel der Ereignisse – dann Erstarrung. Alles wird zerstört, geht zum Teufel, und es gibt kein Leben. Nicht das, was das Leben ausmacht: das Moment des Kampfes. Im menschlichen Leben ist immer ein Moment des freien Kampfes anwesend; jetzt ist es fast verschwunden. Im Zentrum der Ereignisse ist so wenig von ihm zu sehen, dass es scheint, sie ereignen sich von selbst, wenn auch mit Hilfe der Menschen. Und es riecht nach Aas. Selbst in einem Erdbeben, im Untergang und in einem ganz und gar äußeren Unglück liegt mehr Leben, mehr Sinn, als im tiefsten Grund des jetzt Vorsichgehenden, das vielleicht eben erst begonnen hat, seine Kreise zu ziehen. 

    (Ausschnitt aus: Petersburger Tagebücher 1914-1919 – Eichborn Verlag/ Die Andere Bibliothek)

     

    Inhalt

    Sinaida Hippius‘ Tagebücher, in denen sie in einzelnen Heften während der Kriegs- und Revolutionszeit ihre persönlichen Impressionen und Bewertungen des Geschehens aufgezeichnet hat – und die sie über unterschiedliche Personen später aus Russland bzw. der Sowjetunion herausgeschmuggelt und teilweise über zehn Jahre später erst erhalten hat – sind ein detaillierter Augenzeugenbericht der Zeit und geben das Geschehen in unterschiedlichen Blickwinkeln wieder: Mal persönlich von ihr erlebt, mal aus Berichten von Freunden und Hausgästen, mal aus Zeitungen (so denn überhaupt noch erschienen) und von Plakaten, mal aus Gerüchten (die sich dann später wieder revidieren oder bestätigen) – und der Leser wird dabei durch diese Art der Berichterstattung erzählerisch in den Sog der Geschichte gezogen und erlebt die Wirren der Zeit als Betrachter fast real mit…

     

    Biographie

    Sinaida Hippius wurde1869 in Beljow geboren, lebte aber nach dem Tod des Vaters i Jahre 1881 zuerst mit ihrer Mutter in Moskau und später auch in Kiew. 1888 heiratete sie den Philosophen Dmitri Sergejewitsch Mereschkowski.

    Politisch dem linken revolutionären Flügel zugewandt, war Hippius (zusammen mit ihrem Mann) Gegnerin des Zarismus und begrüße die Revolutionen von 1905 bzw. Februar 1917 – den Bolschewiki stand sie jedoch äußerst kritisch gegenüber. Nachdem diese die Macht über das Russische Reich 1919/20 endgültig errungen hatten, emigrierten Hippius und Merschkoswski über die Ukraine und Polen schließlich nach Paris, wo sie 1945 verstarb.

     

    Bewertung

    Die Petersburger Tagebücher sind ein sehr interessantes Buch und geben dem Leser einen direkten Einblick in die Realität, das Chaos und Grauen, die Not und Leiden, aber auch Hoffnungen der damaligen Zeit…