Iréne Némirowsky
Leseprobe
Golder zündete eine Zigarette an, aber schon nach dem ersten Zug musste er nach Atem ringen und warf sie weg. Ein nervöser asthmatischer Husten, rau und pfeifend, schüttelte seine Schultern, füllte ihm bis zum Ersticken den Mund mit bitterem Wasser. Ein jäher Blutdrang färbte seine Züge, die gewöhnlich von einem fahlen, matten, wächsernen Weiß waren bis auf die blauen Ringe unter seinen Augen. Er war ein Mann von über sechzig Jahren, riesig, mit fetten weichen Gliedern, regen wasserfarbenen hellen Augen; dickes weißes Haar umrahmte das verwüstete, harte, wie von einer groben, schweren Hand zerschlagene Gesicht.
Das Zimmer roch nach Rauch und erkaltetem Schweiß, dem typischen Sommergeruch der lange unbewohnt gebliebenen Pariser Wohnungen.
Golder drehte sich mitsamt seinem Stuhl herum, öffnete einen Spaltbreit das Fenster. Eine lange Weile betrachtete er den erleuchteten Eiffelturm. Der rote, rieselnde Schein floss wie Blut über den frischen Himmel der Morgendämmerung… Er dachte an die Golmar. Sechs goldene, leuchtende, funkelnde Lettern, die diese Nacht ebenfalls wie Sonnen in vier großen Städten der Welt erstrahlten. Die Golmar, die Verschmelzung ihrer beiden Namen, Golder und Marcus. Er presste die Lippen zusammen. „Golmar… David Golder allein, ab jetzt…“
(Ausschnitt aus: David Golder – Eichborn Verlag/ Die Andere Bibliothek)
Inhalt
Europa in den 1920er Jahren: David Golder ist ein gerissener, erfolgreicher und skrupelloser Geschäftsmann, der sich in der Erdölbranche einen Namen gemacht hat und nur für seine Arbeit lebt – und dafür riskiert er alles: Freundschaft, Familie und Gesundheit. Doch dann plötzlich dreht sich die Welt anders: Seinen Kompagnon treibt er in den Ruin und Selbstmord, in seiner Familie offenbaren sich Tatsachen, die Golder aus dem Gleichgewicht bringen – und die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchungen zeigen, dass es mit seinem Herzen auch nicht mehr zum Besten steht. Und dann treiben Spekulationen und Wirtschaftskrise Golder in den eigenen Ruin… aber auch hier dreht sich das Blatt plötzlich wieder schicksalshaft….
Biographie
Iréne Némirowsky wurde 1903 in Kiew als Bankierstochter jüdischer Herkunft geboren. In den Wirren der russischen Revolution emigrierte die Familie über Finnland und Schweden nach Frankreich, wo sie sich in Paris niederließen. Dort studierte Iréne Némirowsky in den 20er Jahren Literaturwissenschaften an der Sorbonne. Schon mit 18 Jahren begann sie zu schreiben, 1929 erschien mit David Golder der Roman, der sie bekannt machen sollte.
1926 heiratete Némirowsky; während des 2. Weltkrieges musste sie mit ihrem Mann aus Paris wegziehen und ließ sich in Issy-l’Évêque nieder, wohin sie frühzeitig ihre beiden Kinder in Sicherheit gebracht hatten. 1942 wurde sie zusammen mit Ihrem Mann nach Ausschwitz-Birkenau deportiert, wo sie schon im Krankenhaus verstarb, während ihr Mann in den Gaskammern der Nazis ermordet wurde.
Bewertung
David Golder ist ein sehr gut getroffenes Charakter- und Sittenbild der High Society in den Goldenen Zwanziger Jahren – mit seinen Höhen und Tiefen; hervorragend von Némirowsky in Szene gesetzt!