Iwan Sergejewitsch Schmeljow
Leseprobe
Die Hosen des Doktors sind keine Hosen, sondern etwas ganz und gar Fantastisches. Kleine Blumen auf gelbem Grund, eingefasst in Karos.
„Die sind aus den Schürzen der Nanja, die sie mir gelassen haben. Darunter trage ich Sackleinen, das allerdings voller Farbflecken ist, die Maler haben damals ihre Pinsel daran abgewischt. Nur mein Jackett, das ich mir einst in London gekauft habe, ist mir wohl für die Ewigkeit bestimmt. Die Farbe ist allerdings nicht mehr die, die sie einst war… blau.“
Bisher habe ich immer angenommen, es sei eigentlich schwarz mit einem Hauch von Kaffeebraun.
„Aber das sind Lappalien, denn… Sie haben mir auch sämtliche Thermometer genommen, selbst die Fieberthermometer, außerdem die Chemiewaage, die Glaskolben… Die Reagenzgläser hatten es ihnen angetan, sie haben gedacht, es sei Selbstgebrannter! Dann grapschten sie nach einer Flasche! Wenn da kein Schnaps drin ist! … Das war Salmiakgeist! Daraufhin haben sie mich als Burschuasen beschimpft.“
(Ausschnitt aus: Der Toten Sonne – Eichborn Verlag/ Die Andere Bibliothek)
Inhalt
Der Erzähler schildert einen zeitlichen Abschnitt – ohne Anfang und ohne Ende – während des Holodomors Anfang der 30er Jahre in der Ukraine, der großen Hungerkatastrophe, der viele Millionen Menschen schlussendlich zum Opfer fielen. Dabei berichtet der Erzähler sowohl rein betrachtend die aktuelle Situation schildernd als auch reflektieren; teilweise hinterfragen oder anklagend – und nicht allein in Bezug auf das Leiden der Bevölkerung oder dem Verhalten der bolschewistischen Besatzer und ihrer Sympathisanten, sondern er schildert auch das Leben der Tiere, der Pflanzen, das Erscheinungsbild einer degenerierenden und trostlosen Natur bis hin zum Zerfallen der Häuser – ein großer und anhaltender Niedergang….
Biographie
Iwan Sergejewitsch Schmeljow wurde 1873 als viertes von fünf Kindern einer Kaufmannsfamilie in Moskau geboren. Streng religiös erzogen schloss er 1898 sein Studium an der juristischen Fakultät in Moskau ab und arbeitete zuerst als Steuerinspektor. Während der Oktoberrevolution 1918 und der bolschewistischen Machtübernahme lebte bis 1922 er auf der Krim. In dieser Zeit und aufgrund seiner christlich-orthodoxen Einstellung distanzierte sich Schmeljow immer mehr von den Bolschewisten. Nachdem sein Sohn von den Bolschewisten gefangen genommen und als Soldat der Weißen Garden erschossen wurde, floh Schmeljow mit seiner Frau zuerst nach Berlin und von dort aus nach Frankreich, wo er 1950 verstarb.
Iwan Sergejewitsch Schmeljow fing schon früh mit dem Schreiben an, doch hatte er Anfangs keinen Erfolg, so dass er sich zuerst mehr seinem Beruf als Steuerinspektor widmete. 1911 erschien sein erster großer Erfolg mit Der Kellner im Restaurant, wodurch ihm ein antizaristisches Image anheftete. Spätere Werke wie Der Toten Sonne erschienen vor allem im Exil während seines Aufenthaltes in Berlin oder danach in Frankreich. Iwan Schmeljow galt als Kandidat für den ersten russischen Literatur-Nobelpreis (Tolstoi hatte seine Nominierung immer abgelehnt), den jedoch dann Iwan Bunin erhielt.
Bewertung
Dieses Buch kennt keine Freude, keine Hoffnung, keine Zukunft – es erzählt von Untergang, Hoffnungslosigkeit und Resignation. Und dies in eine realistischen weise, dass der Leser das Geschehen und die Verzweiflung spürt, sieht und mitfühlt – daher eine absolute Leseempfehlung!