1. Johannes Kapitel 1 Teil II

    1. Johannes 1.3-7

    Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und solches schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei. Und das ist die Verkündigung, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, dass Gott Licht ist, und in ihm ist keine Finsternis. So wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. So wir aber im Licht wandeln, wie Er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.  

    Was wir gesehen haben. – Schon zu dritten Mal wiederholt der Apostel sein „wir haben gesehen und gehöret“, damit nichts an der festen Gewissheit seiner Lehre mangele. Das ist sorgfältig zu merken, dass die Herolde des Evangeliums von Christus dazu erwählt sind, geeignete und zuverlässige Zeugen alles dessen zu sein, was sie sagen sollten. Zugleich legt er auch Zeugnis ab von der Stimmung seines Herzens, indem er sagt, dass er nur dadurch zum Schreiben bewogen sei, um sie, denen er schreibt, zur Gemeinschaft eines unschätzbaren Gutes einzuladen. Daraus erhellt, wie sehr er für ihr Heil Sorge trägt. Das trägt nicht wenig dazu bei, ihm Glauben zu verschaffen. Wir sind doch allzu undankbar, wenn wir uns weigern, den zu hören, der uns gern des Glückes, das er erlangt hat, teilhaftig machen möchte. Sodann nennt er die Frucht, die aus dem Evangelium erwächst, nämlich, dass wir Gemeinschaft haben mit Gott und Seinem Sohne Christus, worin ja das höchste Gut besteht. Dies zweite Glied musste hinzugefügt werden, nicht allein, um die kostbare und liebenswürdige Lehre des Evangeliums wiederzugeben, sondern auch, um zu zeigen, dass er sie zu keinem anderen Zweck gern als Genosse haben möchte, als um sie zu Gott zu führen, damit so alle in Ihm eins seien. Auch die Gottlosen haben Verbindung untereinander, aber ohne Gott, ja sogar, um sich mehr und mehr von Gott zu entfernen, was das allergrößte Unglück ist. Aber das ist, wie gesagt, unser größtes Glück, von Gott in Gnaden angenommen zu werden, damit wir wirklich in Christus eins seien. Alles in allem sagt Johannes: Wie die Apostel von Christus zu Brüdern angenommen wurden, dass sie als ein Leib Gott anhingen, so sei es sein und seiner Brüder Streben, viele für diese heilige und selige Gemeinschaft zu gewinnen.

    Dass eure Freude völlig sei. – Unter völliger Freude versteht er eine ungetrübte und vollkommene Seligkeit, die wir durchs Evangelium erlangen. Zugleich erinnert er, wohin die Gläubigen alle ihre Begierden richten sollen. Wahr ist jenes Sprichwort (Matthäus 6.21): „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ Wer also wirklich erfasst hat, was die Gemeinschaft mit Gott wert ist, gibt sich damit allein völlig zufrieden und lässt sich nicht weiter durch allerhand Begierden hin und her treiben. Der Herr ist mein Gut und mein Teil, sagt David (Psalm 16.5): Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche. Ebenso sagt Paulus (Philipper 3.8), er achte alles für Kot, auf dass er Christus gewinne. So hat der erst rechte Fortschritte im Evangelium gemacht, der sich in der Gemeinschaft Gottes glücklich schätzt, in ihr allein ruht und sie der ganzen Welt vorzieht, so dass er ihrethalben alles zu verlassen bereit ist.

    Und das ist die Verkündigung. – Der Apostel will hier nicht die ganze Lehre des Evangeliums zusammenfassen; er zeigt vielmehr, dass wir, wenn wir Christus und Seine Güter genießen wollen, Gott in der Gerechtigkeit und Heiligkeit ähnlich sein müssen, wie auch Paulus im Brief an Titus (2.11) sagt: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und erzieht uns, dass wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt.“ Er lehrt, dass wir im Lichte wandeln müssen, weil Gott Licht ist. Dass er übrigens das eine Mal sagt, Gott sei Licht, und das andere Mal, er sei im Lichte (Vers 7), ist kein großer Unterschied. Warum der Satan der Fürst der Finsternis genannt wird, ist bekannt. Wenn Gott im Gegenteil der Vater des Lichts und Licht genannt wird, so wollen wir zuerst lernen, dass in Ihm nur Helles, Reines und Lauteres ist, und sodann, dass Er durch Seinen Glanz alles so erleuchtet, dass Er nichts Sündiges und Verkehrtes, keine Flecken und Makel, keine Heuchelei und keinen Betrug dulde. Im Übrigen ist das die Meinung: Da es keine Übereinstimmung zwischen Licht und Finsternis gibt, so sind wir, solange wir in Finsternis wandeln, mit Gott im Zwiespalt. Jene Gemeinschaft also, von welcher der Apostel sprach, kann nicht anders bestehen, als wenn auch wir rein und licht sind.

    Und in ihm ist keine Finsternis. – Diese Art zu reden ist bei Johannes sehr beliebt, nämlich dass er etwas zuerst positiv und dann negativ ausdrückt. Der Sinn ist: Gott ist so Licht, dass Er keine Finsternis duldet. Daraus folgt: Er hasst ein schlechtes Gewissen, lasterhafte und verkehrte Sitten und alles, was nach Finsternis schmeckt.

    So wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. – Hier wendet sich Johannes an die Gegner, indem er sagt, dass die ferne von Gott sind, die in der Finsternis wandeln. Diese Behauptung hängt von einem höheren Grundsatz ab, nämlich dass Gott die Seinen heiligt. Es ist also nicht eine bloße Vorschrift, durch die er von uns ein heiliges Leben fordert, vielmehr zeigt er, dass Christi Gnade auch die Kraft habe, in uns die Finsternis zu vertreiben und das Licht Gottes anzuzünden. Er will sagen, dass Gott sich uns mitteilt, ist nicht ein leeres Gerede, vielmehr ist es notwendig, dass die Kraft und Wirkung dieser Gemeinschaft im Leben aufleuchten; sonst ist das Bekenntnis zum Evangelium Lüge. Dass er hinzufügt: „wir tun nicht die Wahrheit“, bedeutet so viel wie: Wir handeln nicht aufrichtig, oder wir huldigen nicht dem Wahren und Rechten. Übrigens drückt er hier wieder einen Gedanken positiv und negativ aus.

    So wir aber im Licht wandeln. – Nun sagt der Apostel, das sei gewiss ein Zeichen unserer Gerechtigkeit mit Gott, wenn wir Ihm ähnlich sind. Nicht als ob die Reinheit des Lebens den Herrn uns gnädig mache; aber daran kann man erkennen, meint der Apostel, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, wenn Seine Reinheit in uns leuchtet. Und sicher verhält die Sache sich so: Wohin Gott kommt, da wird alles derartig von Seiner Heiligkeit übergossen, dass aller Schmutz verschwindet; außer Ihm aber haben wir nichts als Unreinheit und Finsternis. Daraus erhellt, dass nur der recht lebt, der an Gott hängt. Wenn der Apostel sagt: So haben wir Gemeinschaft untereinander, so bezieht sich das nicht einfach auf die Menschen, vielmehr stellt er Gott auf die eine Seite und uns auf die andere. Man kann aber fragen, wer von den Menschen das Licht Gottes so in seinem Leben zum Ausdruck bringen kann, dass jene Ähnlichkeit entsteht, welche Johannes fordert. Denn auf diese Weise müsste man ganz und gar von aller Finsternis frei und ledig sein. Ich meine, solche Ausdrücke müssen dem Fassungsvermögen der Menschen angepasst werden. So sagt er, der sei Gott ähnlich, der nach Seiner Ähnlichkeit trachtet, wie weit er auch bislang von ihr entfernt ist. In der Finsternis wandelt, wer sich nicht von der Furcht Gottes regieren lässt und nicht mit reinem Gewissen dahin trachtet, dass er sich dem Herrn ganz weiht und Seinen Ruhm fördert. Umgekehrt, wer aus lauterem Herzenstriebe sein Leben in allen seinen Beziehungen nach der Furcht Gottes gestaltet, Ihm gehorcht, Ihn verehrt, ob er auch in vielen Punkten fehlt und unter der Last des Fleisches seufzt, der wandelt im Licht, weil er den rechten Weg innehält. Allein die Lauterkeit des Gewissens scheidet Licht und Finsternis.

    Und das Blut Jesu Christi seines Sohnes, macht uns rein. – Nachdem der Apostel gelehrt hat, welcher Art das Band unserer Gemeinschaft mit Gott ist, zeigt er auch die Frucht, die aus dieser Gemeinschaft fließt, nämlich, dass uns die Sünden umsonst erlassen werden. Das ist aber jene Seligkeit, welche David in Psalm 32 beschreibt. Wir müssen wissen, dass wir die elendesten Menschen sind, bis wir, durch den Geist Gottes wiedergeboren, mit reinem Herzen Ihm dienen. Was kann es Elenderes geben als einen Menschen, den Gott hasst und verabscheut, über dessen Haupt der Zorn Gottes und der ewige Tod schwebt! Wir lernen aus dieser Stelle zuerst und vor allem, dass uns dann erst die Sühne, die Christus durch Seinen Tod zustande gebracht hat, zugutekommt, wenn wir die Gerechtigkeit mit aufrichtigem Herzenstrieb pflegen. Denn Christus ist nur für die ein Erlöser, die sich von der Ungerechtigkeit bekehren und ein neues Leben anfangen. Wenn wir daher einen gnädigen Gott haben wollen, der uns die Sünden vergibt, so dürfen wir uns nicht selbst vergeben. Kurz, die Vergebung der Sünden kann nicht von der Reue getrennt werden, und es gibt nur da Frieden mit Gott im Gewissen, wo die Furcht Gottes regiert. Diese Stelle lehrt ferner: Die Vergebung der Sünden wird uns nicht nur einmal umsonst gegeben, vielmehr wohnt dies Gut beständig bei der Gemeinde Gottes und wird den Gläubigen täglich angeboten. Der Apostel redet hier Gläubige an, wie es denn sicher nie einen gegeben hat noch geben wird, der anders als durch den Glauben Gott gefallen kann, da wir alle bei Gott schuldig sind. Was für ein Eifer, das Recht zu tun, sich auch bei uns finden mag, so ist unser Streben nach Gott doch immer nur ein Hinken. Alles aber, was halb ist, verdient kein Lob bei Gott. Dazu sagen wir uns auch, soviel an uns ist, durch neue Sünden von der Gnade Gottes los. Daher kommt es, dass alle Heiligen täglich Vergebung der Sünden nötig haben, weil nur diese uns bei der Familie Gottes festhält.

    Von aller Sünde. – Wenn Johannes sagt: Von aller Sünde, so deutet er damit an, dass wir auf mannigfache Weise vor Gott schuldig sind, wie es denn gewiss niemand gibt, der nicht an vielen Fehlern leidet. Ferner lehrt er, dass den Frommen und denen, die Gott fürchten, keine Sünden so im Wege stehen, dass Gott kein Gefallen an ihnen habe. Er zeigt auch den Weg, die Vergebung zu erlangen und die Ursache der Reinigung, nämlich, dass Christus unsere Sünden mit Seinem Blut gesühnt hat. Er bekräftigt, dass alle Frommen ohne Zweifel an dieser Reinigung teilhaben werden. Dieser ganze Teil der Lehre ist von den Sophisten verderbt worden [gemeint sind die Scholastiker, die Vertreter der mittelalterlichen Lehre, welche die römische Kirche, nur von den schlimmsten Auswüchsen gereinigt, übernommen hat]. Sie behaupten nämlich, freie Vergebung der Sünden werde uns nur in der Taufe gegeben. Da allein, sagen sie, habe das Blut Christi Kraft. Aber von der Taufe an würden wir nicht anders mit Gott versöhnt als durch Genugtuungen. Sie lassen auch hier dem Blut Christi einige Bedeutung, aber da sie den Werken Lob erteilen, so stürzen sie das Amt Christi um, welches nach dieser Aussage des Johannes darin besteht, dass Er die Sünden sühnt und Gott versöhnt. Denn das lässt sich nie reimen, dass wir durch das Blut Christi gereinigt werden und dass die Werke Reinigungsmittel seien; denn Johannes schreibt nicht die Hälfte, sondern alles dem Blut Christi zu. Das ist also die Hauptsache, dass die Gläubigen es festhalten, sie seien Gott angenehm, weil Er ihnen durch das Opfer des Todes Christi versöhnt ist. Das Opfer schließt in sich Reinigung, Sühne und Genugtuung. Das alles kommt allein dem Blut Christi zu. Dadurch wird die Lüge der Papisten von den Ablässen widerlegt. Denn als ob das Blut Christi nicht genügte, rufen sie auch das Blut und die Verdienste der Märtyrer zu Hilfe. Da sie sagen, ihre Schlüssel, durch die sie die Vergebung der Sünden eingeschlossen halten, seien teils aus dem Blut und Verdienst der Märtyrer, teils aus den überflüssigen Werken, durch die sich ein jeder Sünder loskauft, zusammengeschmiedet, so bleibt ihnen keine Vergebung der Sünden, welche nicht dem Blut Christi Abbruch täte. Denn wenn ihre Lehre Grund hätte, so würde uns das Blut Christi nicht wirklich reinigen, es würde nur die Bedeutung eines Hilfsmittels haben. Auf diese Weise bleiben die Gewissen im Ungewissen gehalten, die der Apostel durch ein festes Vertrauen gewiss machen will.