1. Johannes Kapitel 2 Teil I

    1. Johannes 2.1-2

    Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf dass ihr nicht sündigt. Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christ, der gerecht ist. Und derselbige ist die Sühne für unsere Sünden; nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. 

    Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf dass ihr nicht sündigt. Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christ, der gerecht ist. Und derselbige ist die Sühne für unsere Sünden. – Es ist dies nicht nur eine Wiederholung der vorhergehenden Lehre, sondern sozusagen die Summe des ganzen Evangeliums. Wir sollen uns von Sünden fernhalten und dürfen, obwohl wir immer dem Gerichte Gottes verhaftet sind, doch gewiss sein, dass Christus mit dem Opfer Seines Todes für uns eintritt, um den Vater gnädig zu stimmen. Der Apostel tritt aber auch einem etwaigen Einwurf entgegen; keiner soll denken, er gebe Erlaubnis zum Sündigen, indem er die Gnade Gottes verkündigt und lehrt, sie sei für alle da. Er verbindet also zwei Seiten des Evangeliums, welche die Späteren getrennt und dadurch das Evangelium verletzt und verstümmelt haben. Übrigens ist die Lehre von der Gnade immer den Verleumdungen der Gottlosen zum Opfer gefallen. Wenn der Satz aufgestellt wird, dass in Christus die Sühne der Sünden ist, so behaupten sie, dadurch werde Freiheit zum Sündigen gewährt. Um diesen Übelständen zu begegnen, bezeugt der Apostel zuerst, das sei das Ziel seiner Lehre, dass die Menschen aufhören zu sündigen. Indem er schreibt „auf dass ihr nicht sündigt“ will er nur dies: Dass sie sich, soweit es bei der menschlichen Schwäche möglich ist, von Sünden fernhalten. Und zwar zielt er darauf, dass wir Gott gleich seien, was ich ja schon bei der Gemeinschaft mit Gott behandelt habe. Inzwischen schweigt er auch nicht über die freie Vergebung der Sünden, weil, wenn auch der Himmel einstürzt und alles drunter und drüber geht, dieser Teil der Lehre niemals verschwiegen werden darf, vielmehr klar und bestimmt verkündigt werden muss. So müssen auch wir heute handeln. Weil das Fleisch zur Zügellosigkeit geneigt ist, müssen die Menschen eifrig daran gemahnt werden, dass die Gerechtigkeit und das Heil uns durch den Tod Christi deshalb erworben wurden, dass wir Gottes heiliges Eigentum seien. Da es aber zutrifft, dass viele Gottes Gnade frech missbrauchen und auch viele Hunde uns verleumderisch als solche hinstellen, die den Sünden die Zügel lockern, so muss man tapfer fortfahren, die Gnade Christi geltend zu machen, in der Gottes Herrlichkeit am hellsten strahlt und das ganze Heil der Menschen beruht. Verachten muss man, sage ich, jenes Gebell der Gottlosen, von dem, wie wir sehen, auch die Apostel angefallen worden sind. Deshalb lässt Johannes sofort das zweite Glied folgen, Christus sei unser Fürsprecher, wenn wir gesündigt haben. Durch dies Wort bekräftigt er, was wir schon vorher hörten. Es liegt nämlich, obwohl wir weit entfernt sind von der vollkommenen Gerechtigkeit, ja sogar täglich neue Schuld hinzufügen, doch das Mittel auf der Hand, Gott zu versöhnen, wenn wir zu Christus unsere Zuflucht nehmen. Und das ist das Einzige, worin die Gewissen Ruhe finden, worin die Gerechtigkeit der Menschen besteht, worin die Hoffnung des Heils begründet ist. Statt „und ob jemand sündigt“, müssen wir tatsächlich sagen: Weil wir sündigen – denn es ist ausgeschlossen, dass jemand nicht sündigt! Endlich deutet Johannes an, dass wir durchs Evangelium nicht nur von den Sünden zurückgerufen werden, weil Gott uns darin zu sich einladet und den Geist der Wiedergeburt anbietet, sondern dass auch für die elenden Sünder gesorgt wird, dass sie immer einen gnädigen Gott haben, und dass die Sünden, deren sie sich schuldig machen, kein Hindernis ihrer Gerechtigkeit sind; haben sie doch einen Mittler, der sie mit Gott versöhnt. Ferner, da er zeigen will, wie wir bei Gott zu Gnaden kommen, bezeichnet er Christus als unseren Fürsprecher. Denn dazu erscheint Er vor dem Angesicht Gottes, um die Kraft Seines Opfers für uns geltend zu machen. Damit dies besser verstanden werde, will ich noch deutlicher reden: Die Fürsprache Christi ist die beständige Geltendmachung Seines Todes zu unserm Heil. Dass uns also Gott die Sünden nicht zurechnet, kommt daher, dass Er die Fürsprache Christi berücksichtigt. Übrigens passen diese beiden Titel, mit denen der Apostel nunmehr Christus schmückt, trefflich zu der Eigentümlichkeit dieser Stelle. Er sagt von Ihm, dass Er gerecht ist, und nennt Ihn die Sühne für unsere Sünden. Beides muss Er sein, um das Amt und die Rolle eines Fürsprechers zu verwalten. Welcher Sünder könnte uns die Gnade Gottes zuwenden? Deshalb werden wir ja gerade alle vom Zutritt zu Gott abgehalten, weil keiner rein und frei von Sünde ist. Niemand anders ist daher ein geeigneter Priester als einer, der unschuldig ist und von den Sündern abgesondert, wie wir auch im Hebräerbrief (7.26) lesen. Er ist die „Sühne“, wird hinzugefügt, weil niemand ohne Opfer ein rechter Priester ist. Daher betrat unter dem Gesetz der Priester niemals das Heiligtum, ohne dass ihm das Blut voranging. Und nach Gottes Ordnung pflegte zu den Gebeten ein Schlachtopfer als feierliches Siegel gefügt zu werden. Dadurch wollte Gott bezeugen, dass, wer für uns Gnade erlangen will, mit einem Opfer versehen sein muss. Denn wo Gott beleidigt wurde, da ist zu Seiner Versöhnung eine genugtuende Zahlung erforderlich. Daraus folgt, dass alle Heiligen der Vergangenheit und Zukunft einen Fürsprecher nötig haben, und dass niemand anders als Christus diesem Amte gewachsen ist. Sicher legt Johannes diese beiden Beiworte – „gerecht“ und „Sühne“ – Christus bei, um zu zeigen, dass Er der einzige Fürsprecher ist. Wie uns aber ein herrlicher Trost daraus erwächst, dass wir hören, Christus sei nicht nur einmal gestorben, um uns den Vater zu versöhnen, sondern Er trete beständig für uns ein, damit uns in Seinem Namen der Zugang zu Gott offenstehe, dass unsere Bitten erhört werden, so muss man sich auch sehr hüten, dass man nicht die Ehre, die Ihm allein gebührt, einem andern überträgt. Und doch wissen wir, dass unter dem Papsttum dies Amt unterschiedslos den Heiligen zuerteilt worden ist. Noch vor dreißig Jahren [Dieser Kommentar erschien 1551] war dieses so herrliche Kapitel unseres Glaubens, dass Christus der Fürsprecher ist, fast begraben. Heute geben sie zu, Er sei einer von vielen, aber nicht der einzige. Diejenigen unter den Papisten, die ein wenig mehr Ehrfurcht vor Christus haben, leugnen nicht, dass Er unter allen Fürsprechern hervorragt, aber sie gesellen Ihm doch eine große Schar anderer bei. Und doch lauten die Worte klar: Nur der kann Fürsprecher sein, der zugleich Priester ist. Das Priestertum aber kommt allein Christo zu. Die gegenseitigen Fürbitten der Heiligen, durch die sie sich ihre Liebe beweisen, heben wir nicht auf; aber das hat nichts zu tun mit den Verstorbenen, die aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschieden sind, auch nichts mit jenen Schirmherren, die sie sich erdichten, um nicht allein Christi Schützlinge zu sein. Obwohl Brüder für Brüder beten, so schauen doch alle ohne Ausnahme nur einen Schirmherren. Es ist daher kein Zweifel, dass die Papisten so viele Götzen Christus gegenüberstellen, so viele Schirmherren sie sich erdichten. Hinwiederum wollen wir auch kurz den rohen Irrtum beiseiteschieben, als klammere sich Christus an die Knie des Vaters, um für uns zu bitten. Solche Einbildungen muss man aufgeben, da sie der göttlichen Herrlichkeit Christi zu nahetreten; man muss die einfache Lehre festhalten, dass die Frucht Seines Todes immer neu für uns vorhanden ist, weil Er mit Seiner Fürbitte den Vater uns gnädig stimmt und unsere Bitten sowohl durch den süßen Geruch Seines Opfers heiligt als auch durch die Gnade Seiner Schirmherrschaft unterstützt.

    Nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. – Dies fügt der Apostel hinzu, damit die Gläubigen fest überzeugt seien, die Sühne, die Christus zustande gebracht, erstrecke sich auf alle, die das Evangelium im Glauben ergriffen haben. Hier entsteht die Frage, wie die Sünden der ganzen Welt gesühnt werden. Ich übergehe die wahnwitzige Ansicht derer, die auf Grund solcher Stellen alle Verworfenen und sogar den Satan selbst zum Heil gelangen lassen. Solche Ungeheuerlichkeit bedarf keiner Widerlegung. Die solche Torheit vermeiden wollten, haben gesagt, das Leiden Christi sei genugsam für die ganze Welt, werde aber bloß für die Auserwählten wirksam. Diese Erklärung ist ziemlich allgemein angenommen. Ich gestehe, dass dieser Gedanke an sich wahr ist, behaupte aber, dass er zu dieser Stelle nicht passt. Die Absicht des Johannes war keine andere, als der ganzen Gemeinde dies Gut der Sühne zuzusprechen. Also schließt er in den Ausdruck „ganze Welt“ die Verworfenen nicht mit ein, vielmehr bezeichnet er damit die, die einmal gläubig werden sollten und die durch die ganze Welt zerstreut sind. Dann wird die Gnade Christi in das rechte Licht gestellt, wenn gepredigt wird, dass es für die Welt nur ein Heil gebe.

     

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