1. Johannes 2.3-6
Und an dem merken wir, dass wir ihn kennen, so wir seine Gebote halten. Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in solchem ist keine Wahrheit. Wer aber sein Wort hält, in solchem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer da sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch wandeln, gleichwie er gewandelt hat.
Und an dem merken wir, dass wir ihn kennen. – Nachdem der Apostel die Lehre von der freien Vergebung der Sünden behandelt hat, kommt er wieder zu Ermahnungen, die darauf Bezug haben. Zuerst erinnert er daran, dass die Kenntnis Gottes, die aus dem Evangelium geschöpft wird, nicht müßig ist, sondern aus sich heraus den Gehorsam gebiert. Hernach zeigt er, was Gott hauptsächlich von uns fordert, was die Hauptsache im Leben ist, nämlich dass wir Gott lieben. Was wir hier über die lebendige Erkenntnis Gottes lesen, das wiederholt die Schrift nicht ohne Grund immer wieder. Denn in der Welt ist nichts anders mehr gang und gäbe, als die Lehre, die zur Gottseligkeit dienen sollte, in frostige Spekulationen zu verwandeln. Johannes betont also, dass die Erkenntnis Gottes wirksam ist. Daraus schließt er, dass diejenigen Gott gar nicht kennen, die Seine Gebote nicht beachten.
Wie kannst du Gott erkennen, ohne ergriffen zu werden? Aus Gottes Natur ergibt sich nur, dass wir Ihn lieben, wenn wir Ihn kennen; vielmehr, derselbe Geist, der unsere Gedanken erleuchtet, flößt auch unseren Herzen Seine Stimmung ein, die der Erkenntnis entspricht. Die Erkenntnis Gottes bringt das mit sich, dass wir Ihn fürchten und lieben. Wir können Ihn nicht als Herrn und Vater erkennen, ohne dass wir uns Ihm als willfährige Söhne und gehorsame Knechte darbieten. Kurz, die Lehre des Evangeliums ist ein lebendiger Spiegel, in dem wir Gottes Bild beschauen und dadurch in dasselbe umgebildet werden, wie Paulus in 2. Korinther 3.18 lehrt. Wo deshalb kein reines Gewissen ist, da kann nur ein Schatten von eitlem Wissen vorhanden sein. Zu beachten ist hier auch die Reihenfolge, wenn der Apostel sagt: Daran merken wir, dass wir ihn kennen, so wir seine Gebote halten. Er deutet an, dass der Gehorsam gegen Gott so mit der Erkenntnis verbunden ist, dass diese doch der Reihenfolge nach die erste bleibt, wie ja die Ursache der Wirkung vorangehen muss.
So wir seine Gebote halten. – Aber es gibt niemand, der sie in allen Teilen hält! Also ist auch keine Erkenntnis Gottes in der Welt? Ich antworte, dass der Apostel keineswegs mit sich im Widerspruch steht. Da er alle als schuldig vor Gott hingestellt hat, so versteht er unter „Gottes Gebote halten“ nicht „dem Gesetz ganz und gar Genüge leisten“ (das kommt nirgends in der Welt vor); vielmehr die halten Gottes Gebote, die, soweit es bei der menschlichen Schwachheit möglich ist, ihr Leben zum Gehorsam gegen Gott zwingen. So oft die Schrift von der Gerechtigkeit der Gläubigen redet, schließt sie die Vergebung der Sünden so wenig aus, dass sie vielmehr mit ihr den Anfang macht. Darum soll man auch nicht schließen, dass der Glaube auf den Werken beruht. Denn obwohl ein jeder an den Werken ein Zeugnis des Glaubens hat, so folgt daraus doch nicht, dass er auf ihnen beruht, vielmehr folgen die Werke als Beweis dem Glauben nach. Die Gewissheit des Glaubens ruht daher allein auf der Gnade Christi; die Frömmigkeit aber und Heiligkeit des Lebens unterscheidet den wahren Glauben von einer eingebildeten und toten Erkenntnis Gottes.
Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in solchem ist keine Wahrheit. – Womit beweist der Apostel, dass die Leute lügen, die mit dem Glauben prahlen ohne Frömmigkeit? Mit dem Gegenteil, da er ja schon den Satz aufgestellt hat, dass die Erkenntnis Gottes etwas Wirksames sei. Gott wird ja nicht durch bloße Einbildung erkannt, vielmehr nur dann, wenn er sich unseren Herzen durch den Geist innerlich offenbart. Da viele Heuchler mit dem bloßen Titel der Gläubigkeit sich großtun, so verurteilt der Apostel solche als Lügner. Was er sagt, würde überflüssig sein, wenn nicht in vielen Menschen ein falsches und leeres Bekenntnis zum Christentum sich vorfände.
Wer aber sein Wort hält, in solchem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. – Der Apostel setzt jetzt auseinander, was das rechte Halten des Gesetzes Gottes ist, nämlich Gott lieben. Diese Stelle wird meines Erachtens von denen verkehrt ausgelegt, die hier den Sinn finden: Wer Gottes Wort hält, der gefällt Ihm in Wahrheit. Ich ziehe die Auslegung vor: Seine Gebote halten, das heißt Gott aus lauterem Herzen lieben. Der Apostel will ja, wie gesagt, kurz auseinandersetzen, was Gott von uns fordert und worin die Heiligkeit der Gläubigen beruht. Dasselbe pflegte auch Mose zu sagen, wenn er die Summe des Gesetzes ausdrücken wollte (5. Mose 10. 12): Nun, Israel, was verlangt der Herr anderes von dir, als dass du ihn fürchtest und liebst und in seinen Geboten wandelst? Ebenso (5. Mose 30.19 f.): Erwähle das Leben, nämlich dass du den Herrn, deinen Gott, liebst, ihm dienst und anhängst. Denn das Gesetz, das geistlich ist, gibt nicht nur Vorschriften über äußere Werke, vielmehr legt es uns das besonders ans Herz, dass wir Gott von ganzem Herzen lieben sollen. Dass der Liebe zu den Menschen hier keine Erwähnung getan wird, darf man nicht für verkehrt halten. Denn aus der Liebe zu Gott fließt beständig die brüderliche Liebe, wie wir hernach sehen werden. Wer daher wünscht, dass sein Leben Gott gefalle, der muss es ganz auf dies Ziel hinrichten. Wenn jemand entgegnet, es sei nie jemand gefunden worden, der Gott so vollkommen liebte, so erwidere ich: Es genügt, wenn ein jeder nach dem Maß der ihm gegebenen Gnade nach dieser Vollkommenheit strebt. Übrigens steht die Begriffsbestimmung fest, dass vollkommene Liebe zu Gott das rechte Halten Seines Wortes ist. Darin, sowie in Seiner Erkenntnis fortzuschreiten, ziemt sich für uns.
Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. – Die Rede kehrt nun zu jener vorher bereits erwähnten Frucht des Evangeliums zurück, nämlich der Gemeinschaft mit Gott und Seinem Sohne. Wenn es das Ziel des Evangeliums ist, dass wir mit Gott Gemeinschaft haben, es aber keine Gemeinschaft ohne Liebe geben kann, so wird niemand rechte Fortschritte im Glauben machen als nur der, der Gott von Herzen anhängt.
Wer da sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch wandeln, gleichwie er gewandelt hat. – Wie der Apostel uns vorher an die Lichtnatur Gottes erinnert hat, so ruft er uns jetzt zu Christus, dass wir Seine Nachfolger seien. Übrigens mahnt er nicht einfach zur Nachfolge Christi, vielmehr legt er dar, dass wir wegen der Gemeinschaft, die wir mit Ihm haben, Ihm ähnlich sein müssen. Die Ähnlichkeit des Lebens und der Werke, sagt er, wird dartun, dass wir in Christus bleiben. Mit diesen Worten bahnt er sich den Übergang zu den folgenden Auseinandersetzungen über die Bruderliebe.