1. Petrus Kapitel 5 Teil I

    1. Petrus 5.1-4

    Die Ältesten, so unter euch sind, ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden, die in Christus sind, und auch teilhaftig der Herrlichkeit, die offenbaret werden soll; weidet, so viel an euch ist, die Herde Gottes, und übet das Aufseheramt nicht gezwungen, sondern williglich; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als die über die Gemeinden herrschen, sondern werdet Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfangen. 

    Indem der Apostel die Hirten der Gemeinde an ihre Pflicht erinnert, weist er vornehmlich auf drei Laster hin, welche dieselben zu schädigen pflegen: Auf Trägheit, Gewinnsucht und Herrschbegier. Gegenüber dem ersten Laster empfiehlt er einen fröhlichen und willigen Eifer, gegenüber dem zweiten eine uneigennützige Stimmung, gegenüber dem dritten Maßhalten, Bescheidenheit und Selbstzucht. Die Hirten sollen für die Herde des Herrn nicht gerade nur so viel sorgen, als die Notwendigkeit sie zwingt. Denn wer nicht mehr zu leisten strebt, als er sich gezwungen sieht, wird sein Werk nur geschäftsmäßig und nachlässig tun. Die Pastoren sollen also mit freiwilligem Geist wirken und ernstlich auf ihr Amt bedacht sein. Um ihnen die Habsucht auszutreiben, heißt der Apostel sie aus innerem Triebe ihre Pflicht tun. Denn wer sich nicht als Ziel vorsetzt, seine Arbeit gern und frei der Gemeinde zu widmen, wird nicht Christi Diener sein, sondern ein Knecht des Bauchs und des Geldsacks. Das dritte Laster, welches der Apostel verzeichnet, ist die Herrschsucht. Es fragt sich aber, an welche Art der Herrschaft er denkt. Die Antwort dürfte sich aus der entgegengesetzten Aussage ergeben, dass die Pastoren Vorbilder der Herde sein sollen. Damit wird ihnen eingeprägt, dass ihre hervorragende Stellung sich in hervorragender Heiligkeit zeigen soll – dies wird aber nur der Fall sein, wenn sie sich und ihr Leben bescheiden der allgemeinen Regel unterwerfen. Dieser Tugend wird der tyrannische Hochmut gegenübergestellt, in welchem ein Pastor sich jeder Unterordnung entzieht und die Gemeinde in Knechtschaft niederhält. Solchen falschen Propheten wirft Hesekiel (34.4) vor, dass sie streng und hart herrschen. Auch Christus tadelt die Pharisäer (Matthäus 23.4), dass die den Schultern des Volks unerträgliche Lasten auflegen, die sie selbst nicht mit einem Finger anrühren wollen. Es lässt sich also die herrschsüchtige Strenge, mit welcher schlechte Pastoren die Gemeinde behandeln, nur bessern, wenn sie ihre Autorität darauf beschränken, mit dem ehrbaren Vorbild des Lebens voranzugehen.

    Die Ältesten. – Darunter sind die Pastoren zu verstehen, sowie alle, die zur Leitung der Gemeinde aufgestellt waren. Sie hießen „Älteste“ um ihrer ehrenvollen Stellung willen – nicht, als wären sie alle bereits alte Leute gewesen, sondern weil sie vornehmlich aus den Greisen erwählt wurden. Denn hohes Alter besitzt gewöhnlich ein größeres Maß von Klugheit, Würde und Erfahrung. Weil aber, um mich eines Sprichworts zu bedienen, auch Alter nicht vor Torheit schützt und sich zuweilen junge Leute wie Timotheus finden, die für das Amt geeignet sind, so heißen auch sie nach ihrer Bestallung „Älteste“. Und wenn Petrus sich als Mitältesten bezeichnet, so sieht man eben daraus, wie auch aus manchen anderen Stellen, dass der Name allgemein geläufig war. Übrigens legt er sich mit diesem Titel eine besondere Autorität bei und will sagen, dass er ein gutes Recht habe, die Pastoren zu ermahnen, weil er zu ihnen gehört; denn diese wechselseitige Freiheit muss unter Amtsgenossen walten. Hätte er eine Obergewalt besessen, so hätte er sich auf sie berufen können, was im gegenwärtigen Fall besonders passend gewesen wäre. Aber obwohl er ein Apostel ist, weiß er, dass er durchaus keine Herrschaft über seine Amtsgenossen zu üben hat, sondern vielmehr durch gemeinsame Pflicht mit ihnen verbunden ist.

    Zeuge der Leiden, die in Christus sind. – Dieser Ausdruck kann von der Lehre verstanden werden, ich möchte ihn aber lieber auf das Leben beziehen. Denn auf diese Weise gewinnt man einen besseren Zusammenhang der beiden Satzglieder, dass Petrus die Leiden Christi an seinem Fleisch darstellt und auch teilhaftig der Herrlichkeit ist. So stimmt dieser Satz mit der Aussage des Paulus überein (2. Timotheus 2.12): „Dulden wir, so werden wir mit herrschen.“ Übrigens trägt es viel dazu bei, die Worte des Apostels glaubwürdig zu machen, dass er durch das Dulden des Kreuzes einen Beweis seines Glaubens gab. Denn nun ist es gewiss, dass er im Ernst redet. Und wenn der Herr die Seinen in dieser Weise erprobt, so drückt er gewissermaßen ihrem Amt das Siegel auf, damit sie bei den Menschen an Würde und Ansehen gewinnen. Darauf zielt ja Petrus, dass man ihn als einen treuen Diener Christi hören soll; zum Beweis dafür deutet er auf die Verfolgungen, die er erlitten hatte, und auf die Hoffnung des ewigen Lebens. Dabei erscheint bemerkenswert, dass Petrus ohne Scheu sich als einen Teilhaber der Herrlichkeit ausgibt, die doch noch nicht offenbar wurde. Denn es ist die Natur des Glaubens, auf verborgenen Gütern auszuruhen.

    Weidet, so viel an euch ist, die Herde Gottes. – Hier lässt sich ersehen, was der Name eines Ältesten bedeutet: Er schließt das Hirtenamt in sich. Geweidet kann aber Christi Herde nur durch die reine Lehre werden, welche die einzige Seelenspeise ist. Darum ist der kein Hirt, wer als stumme Larve dasteht, oder wer eigene Einfälle ausstreut, die wie tödliches Gift die Seelen umbringen. Übrigens ließe sich auch übersetzen: „Weidet die Herde, die bei euch ist.“ Ich ziehe aber die gegebene Übersetzung vor, die etwa besagen will: Spannt alle Sehnen an und wendet jede Fähigkeit auf, die Gott euch gegeben hat. Ob von der Herde Gottes oder des Herrn oder Christi die Rede ist, macht wenig Unterschied; alle drei Lesarten wurden überliefert.

    Übet das Aufseheramt. – Andere übersetzen: „Sehet wohl zu.“ Aber Petrus will ohne Zweifel von der Pflicht und dem Namen des Aufseheramtes reden. Auch lässt sich aus andern Schriftstellen schließen (Apostelgeschichte 20.17 vergleiche 28; Titus 1.5 vergleiche 7), dass ein „Aufseher“ oder Bischof dasselbe ist wie ein Ältester oder Hirt. Der Apostel gibt also Vorschriften darüber, wie man das Hirtenamt recht verwalten soll; zunächst: Nicht gezwungen, denn wer sich nur an das hält, was ihm wie eine Notwendigkeit oder ein Zwang aufgelegt wurde, treibt sein Werk lässig und kalt.

    Nicht als die über die Gemeinden herrschen. – Buchstäblich ließe sich fast übersetzen: „Wider die Gemeinden.“ Damit beschreibt Petrus alle verkehrte Herrschaft, wie solche Leute sie üben, die sich nicht als Diener Christi und der Gemeinde fühlen und etwas mehr sein wollen. Das Wort „Klerus“ in der Mehrzahl, welches wir als „die Gemeinden“ übersetzen, bedeutet eigentlich „die Erbteile“. Wie die gesamte Gottesgemeinde das Erbe des Herrn heißt (5. Mose 9.29), so sind die einzelnen Gemeinden in Städten und Dörfern, deren Pflege einzelnen Hirten anvertraut wurde, gleichsam ebenso viele Erbteile Gottes. Wäre demgegenüber doch nie der Sprachgebrauch aufgekommen, dass man die Bezeichnung als „Klerus“, welche die Schrift der ganzen Gemeinde zuteilwerden lässt, auf wenige Menschen beschränkt! Ausdrücklich ehrt aber Petrus die Gemeinden mit diesem Titel, um einzuprägen, dass jegliche Herrschaft, die Menschen an sich ziehen, ein Raub an Gottes Eigentum ist. Wenn der Herr an vielen Stellen die Kirche als Sein Eigentum und Erbteil bezeichnet, will Er eben die Herrschaft ganz für sich in Anspruch nehmen. Denn nicht eine Obergewalt, sondern eine Fürsorge hat Er in die Hand der Pastoren gelegt, wobei Ihm Sein Recht ungeschmälert bleiben soll.

    So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfangen. – Wenn die Hirten nicht mit aller Anspannung auf dieses Ziel sich richten, können sie unmöglich im Lauf ihres Berufs emsig vorwärtskommen, ja, sie werden allmählich nachlassen. Denn es begegnen ihnen zahllose Anstöße, die sonst auch den Mutigsten außer Atem bringen könnten. Oft hat man mit undankbaren Menschen zu tun, die alle Mühe übel belohnen; lange und unermessliche Arbeiten sind oft vergeblich; Satan gewinnt mit seinen bösen Machenschaften zuweilen die Oberhand. Soll dabei ein frommer Diener Christi ungebrochen dastehen, so hat er nur das eine Heilmittel, dass er seine Augen auf Christi Wiederkunft richtet. So wird ein jeglicher sein Werk welches bei Menschen fruchtlos scheint, emsig verrichten, weil demselben beim Herrn ein so großer Lohn bereit liegt. Damit aber das lange Warten uns nicht dennoch erschlaffen lasse, rühmt der Apostel den hohen Wert des Lohnes, der den Verzug weit aufwiegen soll. Es wartet eurer, so sagt er, die unverwelkliche Krone der Ehren. Bemerkenswert ist auch, dass Christus der Erzhirte heißt: Wenn wir die Gemeinde leiten, so tun wir es als Seine Untergebenen und in Seinem Namen, so dass Er selbst ganz und gar der Oberhirte bleibt. Er besitzt nicht bloß eine hervorragende Stellung, sondern die Obergewalt über alle andern.

     

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