1. Petrus 2.21-23
Denn dazu seid ihr berufen; sintemal auch Christus gelitten hat für uns, und uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht wieder schalt, da er gescholten ward, nicht dräute, da er litt, er stellte es aber dem heim, der da recht richtet.
Denn dazu seid ihr berufen; sintemal auch Christus gelitten hat für uns, und uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen. – War auch von Knechten die Rede, so dürfen doch die folgenden Sätze nicht auf sie beschränkt werden. Denn der Apostel erinnert die Frommen insgemein, in welcher Lage sie sich als Christen befinden: Als der Herr sie berief, legte Er ihnen das Gesetz auf, Beleidigungen geduldig zu tragen. Damit uns dies aber nicht zu beschwerlich falle, werden wir durch Christi Beispiel getröstet. Scheint doch nichts unwürdiger und unerträglicher, als ohne Schuld zu leiden. Richten wir aber die Augen auf den Sohn Gottes, so mildert sich diese Herbigkeit. Denn wer sollte die Gefolgschaft verweigern, wenn Er vorangeht? Einer Erläuterung bedarf die Aussage, dass Er uns ein Vorbild gelassen hat. Denn wenn von der Nachfolge Christi die Rede ist, muss man unterscheiden, was es eigentlich ist, das uns an Ihm als Vorbild aufgestellt wird. Christus ist trockenen Fußes über das Meer gewandelt, hat Aussätzige geheilt, Tote erweckt, Blinden das Gesicht wiedergegeben – wollten wir das gleiche versuchen, so wäre dies eine verkehrte Nachahmung. Denn als Er die Zeichen Seiner Macht sehen ließ, wollte Er uns kein Vorbild zur Nachfolge geben. Ein solches Missverständnis war es auch, wenn man Christi vierzigtägiges Fasten leichthin als Vorbild aufstellte; aber das hatte doch einen ganz anderen Zweck. Darum gilt es, Urteil anzuwenden, worauf auch Augustin einmal hinweist, wenn er das Wort Christi auslegt (Matthäus 11.29): „Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Dieser Schluss lässt sich auch aus den Worten des Petrus ziehen; weil es der Unterscheidung bedarf, erinnert er ausdrücklich, dass es Christi Geduld ist, die als nachzuahmendes Vorbild für uns hingestellt wird. Diesen Gedanken unterstreicht auch Paulus (Römer 8.29): alle Kinder Gottes sind dazu verordnet, dem Ebenbilde Christi gleich zu werden, auf dass derselbige der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Wollen wir also mit Ihm leben, so müssen wir zuerst mit Ihm sterben.
Welcher keine Sünde getan hat. – Dies steht in genauem Zusammenhange mit dem vorliegenden Gegenstande. Denn wollte jemand sich mit seiner Unschuld brüsten, so hat doch ganz gewiss Christus nicht für Missetaten Strafe erduldet. Dabei weist der Apostel zugleich darauf hin, ein wie weiter Abstand uns von Christus trennt, indem er sagt: Ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden. Denn wer in keinem Worte fehlt, ist ein vollkommener Mann, wie Jakobus (3.2) sagt. Christi Unschuld wird uns dadurch als eine derartig vollkommene beschrieben, dass niemand von uns wagen darf, sie sich anzumaßen. So wird vollends klar, dass Er vor allen andern unschuldig gelitten hat. Darum darf niemand von uns sich weigern, nach Seinem Vorbild zu leiden, da niemand ein so gutes Gewissen hat, dass er sich nicht irgendeinen Sündenschaden vorwerfen müsste.
Welcher nicht wieder schalt, da er gescholten ward, nicht dräute, da er litt. – Hier gibt Petrus an, was wir an Christus nachahmen sollen: Wir sollen Beleidigungen sanftmütig tragen und nicht darauf sinnen, sie zu rächen. Denn unsere Geistesart bringt es mit sich, dass bei erlittenem Unrecht die Seele sofort in Rachbegier aufbraust; Christus dagegen hat sich aller Vergeltung entschlagen. Wir müssen also unser Herz zügeln, damit es nicht begehre, Böses mit Bösem zu vergelten.
Er stellte es (das heißt seine Sache) aber dem heim, der da recht richtet. – Dies fügt Petrus zum Trost der Frommen hinzu: Wenn sie geduldig Schmähungen und Vergewaltigungen seitens gottloser Leute ertragen, sollen sie wissen, dass Gott rächend auf ihrer Seite steht. Es wäre doch gar zu hart, der Laune gottloser Leute preisgegeben zu sein, ohne dass Gott sich um unser Elend kümmerte. Darum schmückt Petrus den Herrn mit dem rühmenden Beiwort: Der da richtet. Er will damit sagen: Uns kommt es zu, mit Gleichmut das Übel zu dulden; inzwischen wird Gott Sein Amt nicht vernachlässigen, dass Er sich nicht als gerechten Richter zeigte. Wie übermütig auch die Gottlosen sich eine Zeitlang gebärden, so wird es ihnen doch nicht ungestraft hingehen, dass sie jetzt die Kinder Gottes belästigen. Die Frommen brauchen sich nicht zu fürchten, als wären sie alles Schutzes bar. Denn weil es Gottes Beruf ist, sie zu schützen und ihre Sache zu führen, dürfen sie ihre Seele ganz ruhig halten. Diese Lehre bietet auf der einen Seite einen nicht geringen Trost, auf der andern ist sie ganz besonders geeignet, das stürmische Fleisch zu besänftigen und zu zähmen. Denn in Gottes Schutz und Hut kann nur ausruhen, wer sanftmütigen Geistes auf sein Gericht harrt. Wer selbst zur Rache aufspringt, drängt sich an Gottes Stelle und lässt den Herrn nicht Seines Amtes warten. Darauf bezieht sich jenes Wort des Paulus (Römer 12.19): „Gebet Raum dem Zorn“, nämlich Gottes. Er gibt zu verstehen, dass wir dem Herrn den Weg zu Seinem Richten gleichsam vertreten, wenn wir Ihm zuvorkommen. Darum bekräftigt Paulus seinen Satz mit Moses Zeugnis (5. Mose 32.35): „Die Rache ist mein, spricht der Herr.“ So will denn Petrus einprägen, dass Christi Beispiel uns mäßigt, Beleidigungen zu tragen, wenn wir Gott dem Herrn Seine Ehre lassen. Denn wenn wir Ihn als gerechten Richter bekennen, dürfen wir Ihm unser Recht und unsere Sache anvertrauen. Doch fragt sich, in welcher Weise Christus Seine Sache dem Vater anheimstellte. Hat Er etwa Rache von Ihm erbeten? Uns hat Er dies doch verboten. Denn Er heißt uns (Matthäus 5.44 ff.) denen wohltun, die uns beleidigen, und für die bitten, die uns schmähen. Es wird ja auch aus der evangelischen Geschichte hinreichend klar, dass Christus zu Gottes Gericht Seine Zuflucht nahm und doch auf Seine Feinde nicht Rache herabbetete. Vielmehr stellte Er sich als Fürbitter hin, indem Er sprach: „Vater, vergib ihnen.“ Und sicherlich fehlt viel, dass die Stimmungen unseres Fleisches mit dem Gericht Gottes zusammenstimmen. Will also jemand seine Sache dem heimstellen, der da recht richtet, so muss er unbedingt zuvor sich einen Zügel anlegen, damit er nicht von Gottes gerechtem Gericht etwas Fremdartiges fordert. Denn wer sich den Zügel schießen lässt und um Rache betet, überlässt dem Herrn nicht das Amt des Richters, sondern will Ihn gleichsam zu Seinem Henker machen. Wessen Wünsche aber darauf ruhig gestimmt sind, dass Er seine Feinde in Freunde verwandelt und auf den rechten Weg geführt sehen möchte, der wird seine Sache in Wahrheit dem Herrn anheimstellen, indem er betet: Herr, du kennst mein Herz und weißt, dass ich gerettet sehen möchte, die mein Verderben wollen. Wenn sie sich bekehren, will ich sie beglückwünschen. Wenn sie verstockt in ihrer Bosheit verharren, weiß ich doch, dass du für mein Heil auf der Wacht stehst, und überlasse dir getrost meine Sache! In solchen Grenzen der Bescheidenheit hielt sich Christus; darum sind auch wir an diese Regel gebunden.