1. Petrus 2.24-25
Welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. Denn ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehret zu dem Hirten und Bischofe eurer Seelen.
Es wäre gar zu flach, wenn der Apostel den Tod Christi uns nur als sittliches Vorbild ans Herz gelegt hätte; darum rühmt er eine weit herrlichere Frucht desselben. Dreierlei will in diesem Zusammenhang erwogen sein: Erstlich hat Christus uns durch Seinen Tod ein Beispiel der Geduld gegeben. Zum andern hat Er uns vom Tode erlöst und wieder ins Leben gebracht; darum sind wir Ihm derartig verpflichtet, dass wir Seinem Beispiel willig folgen müssen. Drittens beschreibt der Apostel den Zweck des Todes Christi noch viel umfassender: Wir sollen, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Dies alles aber dient dazu, die vorangehende Mahnung zu bekräftigen.
Welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. – Das ist ein für die Kraft des Todes Christi besonders geeigneter Ausdruck: Wie nämlich unter dem Gesetz ein Sünder, der Lossprechung von seiner Schuld begehrte, ein Opfertier an seine Stelle setzte, so hat Christus den Fluch, den unsre Sünden verdienten, auf sich genommen, um sie vor Gott zu sühnen. Ausdrücklich heißt es, dass Er sie auf das Holz getragen hat; denn solche Sühne konnte nur am Kreuz vollbracht werden. Petrus hat also aufs deutlichste ausgesprochen, dass Christi Tod ein Opfer zur Sühnung unserer Sünden war, indem Er sich ans Kreuz heften und als Opfer für uns darbringen ließ, nahm Er unsre Schuld und Strafe auf sich. Jesaja (53.5), aus welchem Petrus den Hauptinhalt seiner Lehre entnahm, bedient sich mehrerer Ausdrücke: Er ward durch Gottes Hand um unserer Sünden willen zerschlagen, um unserer Missetat willen verwundet, um unsertwillen gebeugt und aufgerieben. Die Züchtigung zu unserem Frieden ward Ihm auferlegt. Petrus will mit seinem Wort das gleiche sagen: Wir wurden in der Weise mit Gott versöhnt, dass Christus sich von Seinem Richterstuhl als Bürgen und Angeklagten für uns darstellte, um die Strafe zu dulden, der wir verfallen waren. Diese Wohltat verdunkeln die Sophisten in ihren Schulen, soviel sie können. Sie schwätzen, dass Christi Todesopfer uns nach der Taufe nur von der Schuld befreie, dass aber die Strafe durch unsre genugtuenden Leistungen weggenommen werde. Wenn aber Petrus sagt, dass Christus unsre Sünden getragen habe, meint er nicht nur, dass Ihm die Schuld angerechnet ward, sondern dass Er sich auch der Strafe unterzog, um dadurch in Wahrheit zum Sühnopfer zu werden, nach jenem Wort des Propheten: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ Übrigens lässt sich auch das folgende Satzglied „durch welches Wunden ihr seid heil geworden“ in den gegenwärtigen Zusammenhang wohl einfügen: Wir sollen die Last fremder Sünden auf unsre Schultern nehmen, nicht um sie zu sühnen, wohl aber um sie als eine uns auferlegte Bürde zu tragen.
Der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. – Dass Christi Sterben uns zum Vorbild der Geduld dienen soll, hat der Apostel zuvor schon angemerkt; hier aber redet er, wie gesagt, umfassender davon, dass wir ein heiliges und gerechtes Leben führen sollen. Von beiden Stücken redet die Schrift mehrfach: Der Herr übt uns durch Mühsale und Widrigkeiten, damit wir dem Tode Christi gleich gestaltet werden. Zum andern ist davon die Rede, dass unser alter Mensch in Christi Sterben gekreuzigt ward, damit wir in einem neuen Leben wandeln sollen. Der Unterschied zwischen diesem letzten Zweck und der vorigen Mahnung zur Geduld ist nun nicht bloß der, dass die gegenwärtige Aussage umfassender wäre. Vielmehr wird Christi Geduld uns einfach als Beispiel vorgestellt. Wenn es aber heißt, Christus habe gelitten, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben möchten, so deutet dies auf die Kraft des Todes Christi, unser Fleisch zu töten, wovon Paulus im 6. Kapitel des Briefs an die Römer ausführlicher handelt. Denn nicht nur dieses Gut hat Er uns erworben, dass Gott uns geschenkweise gerecht spricht, indem Er uns die Sünden nicht anrechnet, sondern auch, dass wir der Welt und dem Fleisch absterben und zu einem neuen Leben auferstehen. Gewiss wird dieses Absterben nicht an einem einzigen Tag vollendet. Aber wo Christi Tod Seine Kraft beweist zur Sühne der Sünden, da wirkt Er zugleich auch für die Abtötung des Fleisches.
Denn ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehret zu dem Hirten und Bischofe eurer Seelen. – Auch diesen Satz entlehnt Petrus aus Jesaja (53.6), nur dass der Prophet die Aussage allgemeiner gestaltet: „Wir gingen all in die Irre wie Schafe.“ Übrigens liegt der Hauptnachdruck nicht darauf, dass wir mit Schafen oder unvernünftigen Tieren verglichen werden, sondern dass wir in der Irre gingen, wie der Prophet hinzufügt: „Ein jeglicher sah auf seinen Weg.“ Es soll gesagt werden, dass wir alle den Weg des Heils verlassen haben und dem Verderben entgegen gehen, wenn Christus uns nicht aus der Zerstreuung sammelt. Das ergibt sich vollends deutlich aus der gegensätzlichen Aussage: Aber ihr seid nun bekehret. Denn wer sich von Christus nicht regieren lässt, muss in der Irre gehen, wie ein vom Weg abgeirrtes Tier. Damit ergeht ein Verwerfungsurteil über die gesamte Weisheit der Welt, welche sich der Leitung Christi nicht unterwirft. Ausgezeichnet sind die beiden Titel Christi; der Apostel bezeichnet ihn als den Hirten und Bischof der Seelen. Wer sich in Seinem Schafstall und Seiner Obhut hält, braucht nicht zu fürchten, dass Christus nicht treulich für sein Heil wacht. Ist es nun auch Christi Aufgabe, uns an Leib und Seele unversehrt zu erhalten, so spricht der Apostel doch ausdrücklich von den Seelen, weil dieser himmlische Hirte uns durch Seinen geistlichen Schutz zum ewigen Leben bewahrt.