1. Petrus 3.10-15
Denn wer leben will und gute Tage sehen, der schweige seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht trügen. Er wende sich vom Bösen und tue Gutes, er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn merken auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Gebet; das Angesicht aber des Herrn stehet wider die da Böses tun. Und wer ist, der euch schaden könnte, so ihr dem Guten nachkommet? Und ob ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht, erschreckt nicht; heiliget aber Gott den Herrn in euren Herzen.
Denn wer leben will und gute Tage sehen, der schweige seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht trügen. Er wende sich vom Bösen und tue Gutes. – Der Apostel bekräftigt die voranstehende Aussage durch ein Zeugnis Davids. Es handelt sich um eine Stelle aus dem 34. Psalm (Vers 13 ff.), wo der Heilige Geist bezeugt, dass es allen wohl gehen werde, die sich von aller Schandtat und Schädigung fernhalten. Die gemeine Empfindung gibt uns freilich etwas ganz anderes ein. Denn die Menschen glauben sich der Unverschämtheit ihrer Feinde preiszugeben, wenn sie sich nicht wacker rächen. Aber der Geist Gottes verheißt nur solchen Leuten ein glückliches Leben, die sich sanftmütig halten und das Böse geduldig leiden. Denn gut können wir es nur haben, wenn der Herr unsere Wege glücklich leitet. Er will sich aber nur guten und guttätigen Menschen zur Verfügung stellen, nicht frechen und trotzigen. Übrigens folgt Petrus der griechischen Übersetzung, was für den Sinn kaum einen Unterschied macht. Zuerst werden wir erinnert, dass es Sünden der Zunge zu meiden gilt: Wir sollen nicht schmähsüchtig und hochfahrend reden, zum andern sollen wir uns auch nicht trügerisch und zweizüngig verhalten. Sodann wendet sich die Rede zu den Taten: Wir sollen niemand verletzen, noch ihm Schaden zufügen, sondern uns bestreben, gegen jedermann guttätig zu sein, und sollen die Pflichten der Menschlichkeit ausüben.
Er suche Frieden und jage ihm nach. – Es ist nämlich nicht genug, den Frieden zu halten, den man uns anbietet, sondern auch, wenn er von uns zu fliehen scheint, sollen wir ihn suchen. Oft kommt es auch vor, dass, wenn wir, so viel an uns ist, nach Frieden streben, die andern ihn nicht gewähren. Um dieser Schwierigkeiten und Hindernisse willen gebietet der Apostel, dass wir den Frieden suchen und ihm nachjagen sollen.
Denn die Augen des Herrn merken auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Gebet. – Zur Milderung jeglichen Übels muss es uns ein hinreichend wirksamer Trost sein, dass der Herr auf uns schaut, um uns zur rechen Zeit zu helfen. Der Apostel will uns also einprägen, dass die guten Tage des Glücks, von denen die Rede war, sich daraus ergeben, dass Gott uns schützt. Denn wenn der Herr nicht für die Seinen sorgte, wären sie wie Schafe den Wölfen zur Beute preisgegeben. Dass wir so leicht in Unruhe geraten, uns so oft zum Zorn entflammen lassen, dass wir von Rachbegier brennen, kommt ganz sicher daher, dass wir vergessen, wie Gott für uns sorgt, und dass wir nicht auf Seiner Hilfe ausruhen. Darum wird man vergeblich von Geduld predigen, wenn die Herzen nicht zuvor die Lehre in sich aufnehmen, dass Gott für uns sorgt, um uns zu Seiner Zeit beizuspringen. Wo wir dagegen fest überzeugt sind, dass Gott die Sache der Gerechten mit Seinem Schutz decken will, streben wir zuerst rückhaltlos nach einem einwandfreien Verhalten; und wenn zum andern gottlose Leute sich lästig und feindlich stellen, nehmen wir unsere Zuflucht zu Gottes Schutz. Denn dass die Ohren des Herrn für Gebete geöffnet sind, reizt uns zu eifrigem Beten.
Das Angesicht aber des Herrn stehet wider die da Böses tun. – Dieser Satz spricht aus, dass der Herr unser Rächer sein wird, weil Er nicht immer die Frechheit der Gottlosen sich austoben lassen kann. Zugleich aber kündigt Er an, was geschehen muss, wenn wir etwa unser Leben mit Schandtaten sollten schützen wollen; wir würden Gott zu unserm Feind haben. Freilich könnte man einwenden, dass die tägliche Erfahrung ein ganz anderes Bild zeigt. Denn je gerechter und friedliebender sich jemand hält, desto mehr spielen verbrecherische Leute ihm mit. Darauf diene zur Antwort: Niemand strebt in einem solchen Grade nach Billigkeit und Frieden, dass nicht auch er zuweilen in irgendeinem Stück sündigte. Vornehmlich aber müssen wir dies anerkennen, dass die für dieses Leben geltenden Verheißungen nicht weiter greifen, als die Erfüllung ihres Inhalts für uns nützlich ist. Darum wird unser Friede mit der Welt oft gestört, damit unser Fleisch unter den Gehorsam gegen Gott gebändigt werde, überhaupt damit uns nichts an der Vollkommenheit abgehe.
Und wer ist, der euch schaden könnte, so ihr dem Guten nachkommet? Und ob ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. – Noch einmal bekräftigt der Apostel den vorangehenden Satz durch einen aus der allgemeinen Erfahrung entnommenen Beweis. Denn es geschieht sehr häufig, dass gottlose Leute uns zu schaffen machen, weil sie von uns gereizt sind, oder wenigstens, weil wir uns nicht hinreichend bemühten, sie für uns zu gewinnen. Denn wer sich der Guttätigkeit befleißigt, stimmt auch sonst harte Gemüter mild. Den gleichen Grund führt auch Plato in seinem ersten Buch über den Staat (Kapitel 22) an: „Ungerechtigkeit erregt Unruhen, Hass und Kampf; Gerechtigkeit aber führt zu Eintracht und Freundschaft.“ Wenn aber dies insgemein zu geschehen pflegt, so geschieht es doch nicht immer. Denn die Kinder Gottes mögen noch so eifrig sich bemühen, gottlose Leute durch Wohltaten zu besänftigen, ja gegen jedermann sich freundlich zu stellen, sie erleiden doch ungerechte Angriffe von vielen Seiten. Darum fügt Petrus hinzu (Vers 14): Und ob ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Alles in allem: Die Gläubigen werden einen ruhigen Lebensstand eher erreichen, wenn sie auf Wohltaten bedacht sind, als wenn sie gar zu schnell Gewalttat und Rache anwenden. Haben sie aber nichts unterlassen, was zum Frieden dient, und müssen doch leiden, so werden sie eben darin selig sein, weil sie um Gerechtigkeit willen leiden. Dies letztere liegt freilich von unserer fleischlichen Stimmung sehr weit ab; aber nicht umsonst hat Christus es verkündigt (Matthäus. 5.10 f.), und nicht umsonst wiederholt es Petrus nach den Worten seines Meisters. Denn endlich wird Gott als Befreier erscheinen, und dann wird öffentlich klar werden, was jetzt unglaublich scheint, dass die Leiden, welche die Frommen geduldig trugen, ein Glück waren. „Um Gerechtigkeit willen“ leiden, besagt nicht bloß, dass man Schaden und Unbequemlichkeit erfahren muss, wenn man irgendeiner guten Sache sich annimmt, sondern dass Leute, die unschuldig und in der Furcht Gottes in der Welt wandeln, ungerecht leiden müssen.
Fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht, erschreckt nicht; heiliget aber Gott den Herrn in euren Herzen. – Noch einmal weist der Apostel auf den Quell und Grund der Ungeduld hin. Wir lassen uns mehr als billig beunruhigen, wenn gottlose Leute sich wider uns erheben. Denn solche innere Verstörung macht uns mutlos, wirft uns aus der Bahn oder zündet Rachbegier in uns an. Dabei ruhen wir nicht in Gottes Schutz aus. Denn es wäre das beste Mittel, stürmische Gemütsbewegungen zu zügeln, wenn wir die übermäßige Furcht durch das Vertrauen auf Gottes Hilfe besiegen würden. Ohne Zweifel will nun Petrus auf ein Wort des Jesaja (8.12) anspielen: Als die Juden wider Gottes Willen sich mit unheiligen und weltlichen Hilfsmitteln zu schützen begehrten, erinnerte Gott seinen Propheten, dass er nicht sich fürchten solle, wie sie taten. Buchstäblich: Fürchtet euch nicht mit ihrer Furcht. Petrus gibt diesem Gedanken eine etwas andere Wendung: Fürchtet euch nicht vor ihrer Furcht, das heißt vor dem Schrecken, den uns die Ungläubigen mit Gewalttaten und rauen Drohungen einjagen wollen. Diese Abweichung hat nichts Anstößiges, weil ja Petrus das Wort des Propheten nicht auslegen, sondern lediglich darauf hinweisen wollte, dass nichts uns besser zur Geduld anleiten könne als die Weisung Jesajas (Vers 15): Heiliget Gott den Herrn. Die Gläubigen werden furchtlos dastehen und sich durch keine Erschütterung und keinen Schrecken von der rechten Bahn ihrer Pflicht abdrängen lassen, wenn sie den Herrn Zebaoth heilig halten. Dieses „Heiligen“ will im genauen Zusammenhange mit dem vorliegenden Gedankengange verstanden sein. Woher kommt es, dass wir uns durch Furcht erdrücken lassen und verloren zu sein glauben, wenn irgendetwas von Gefahr uns droht? Doch nur daher, dass wir einem sterblichen Menschen eine größere Macht zu schaden zutrauen, als dem Herrn zu retten. Gott verheißt, der Hüter unseres Wohlergehens zu sein: Dagegen stürmen die Gottlosen wider dasselbe an. Lassen wir uns nun nicht durch Gottes Verheißung aufrecht halten, tun wir Ihm dann nicht eine Schmach an und entheiligen Ihn gewissermaßen? Darum lehrt der Prophet, dass man über den Herrn Zebaoth ehrenvoll denken soll: Mögen die Gottlosen alles in Bewegung setzen, uns zu verderben, dazu auch mit gewaltigen Mitteln gerüstet sein – der eine Gott hat reichlich Macht genug, uns zu retten. Darum fügt Petrus hinzu: Heiliget ihn in euren Herzen. Denn wenn tief in unserem Herzen die Überzeugung haftet, dass die vom Herrn verheißene Hilfe für uns ausreicht, so werden wir aufs Beste gewappnet sein, alle furchtsamen Gedanken des Unglaubens abzuwehren.