2. Petrus 1.1-4
Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die mit uns eben denselbigen Glauben überkommen haben in der Gerechtigkeit, die unser Gott gibt, und der Heiland Jesus Christ. Gott gebe euch viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Gottes und Jesu Christi, unseres Herrn! Nachdem allerlei seiner göttlichen Kraft, was zum Leben und göttlichen Wandel dient, uns geschenkt ist durch die Erkenntnis des, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Tugend, durch welche uns die teuren und allergrößesten Verheißungen geschenkt sind, nämlich, dass ihr dadurch teilhaftig werdet der göttlichen Natur, so ihr fliehet die vergängliche Lust der Welt.
Simon Petrus. – In diesem Briefe nimmt eine Bitte die erste Stelle ein. Dann folgt der Dank, um die Juden zur Dankbarkeit zu reizen, damit sie nicht vergessen, was und wie viel Gutes sie schon aus Gottes Hand empfangen hätten. Warum Petrus sich Knecht und Apostel Jesu Christi nennt, haben wir andern Orts gesagt: Weil man nämlich auf niemand in der Gemeinde hören soll, er rede denn im Namen und Auftrag Christi. Weiter ist die Bezeichnung „Knecht“ umfassender. Sie umschließt nämlich alle Diener Christi, welche irgendein öffentliches Amt in der Gemeinde bekleiden. Das Apostolat ist ein höheres Ehrenamt. Der Apostel sagt also damit, er sei nicht irgendeiner aus der Schar der Diener, sondern der Herr selbst habe ihn in die Reihe der Apostel berufen, welche unter den übrigen einen Ehrenplatz einnahmen.
Denen, die mit uns eben denselbigen Glauben überkommen haben. – Damit soll die Gnade angepriesen werden, die Gott allein Seinen Auserwählten ohne Unterschied zuteilwerden lässt. Denn es war kein gewöhnliches Geschenk, dass alle zu einem und demselben Glauben berufen worden waren. Ist doch der Glaube ein hervorragendes, ja das höchste Gut des Menschen! Ferner redet Petrus von eben dem selbigen teuren Glauben, nicht weil er etwa in allen gleichwertig wäre, vielmehr deshalb, weil alle eben denselben Christus mit Seiner Gerechtigkeit und eben dasselbe Heil im Glauben besitzen. Ist also gleichwohl das Maß des Glaubens verschieden, so hindert das doch nicht, dass alle an der Erkenntnis Gottes und der Frucht, die daraus hervor wächst, Anteil haben. So besteht zwischen Petrus und den Aposteln einerseits und uns anderseits wahrhaftige Gemeinschaft des Glaubens.
Der Zusatz: In der Gerechtigkeit, die unser Gott gibt, sagt uns, dass wir nicht durch eigenen Fleiß und Tüchtigkeit den Glauben erworben haben, sondern ihn besitzen als ein Gnadengeschenk Gottes. Gerechtigkeit Gottes in dem Sinn, wie es hier zu verstehen ist, und Menschenverdienst schließen sich ja aus. Denn Gerechtigkeit Gottes wird darum die wirksame Ursache des Glaubens genannt, weil niemand imstande ist, sich selbst dieselbe zu schaffen. Gerechtigkeit ist also nicht unter dem Gesichtspunkt aufzufassen, dass sie in Gott beschlossen bleibt, sondern sofern sie auf die Menschen ausströmt (vergleichen Römer 3.22). Diese Gerechtigkeit wird gleicher Weise Gott wie Christus zugesprochen, weil sie aus Gott fließt, aber durch Christus auf uns überströmt.
Gott gebe euch viel (genauer: immer mehr) Gnade und Frieden. – Mit Gnade wird Gottes väterliche Huld uns gegenüber bezeichnet. Wir sind freilich einmal mit Gott durch Christi Tod versöhnt und gelangen durch den Glauben in den Besitz dieses großen Gutes. Aber weil wir Gottes Gnade nach dem Maß unseres Glaubens empfangen, so heißt es von ihr: Sie wachse im Verhältnis zu unserer Gesinnung, da sie uns immer mehr aufgeschlossen wird. Neben die Gnade tritt der Friede. Der Anfang unserer Glückseligkeit besteht ja darin, dass Gott uns in Gnaden annimmt. Und je mehr die Liebe zu Ihm in unseren Herzen an Kraft gewinnt, desto reichlicher segnet Er uns, auf dass uns alles glücke und wohl gelinge.
Durch die Erkenntnis. – Wie einer in der Erkenntnis Gottes fortschreitet, wo wächst in ihm auch zugleich mit dem Empfinden der göttlichen Liebe alles Gute. Wer also zu dem vollen Genuss eines glücklichen Lebens zu gelangen sucht, der gedenke des von Petrus beschriebenen Weges. Gottes und Jesu Christi Erkenntnis ist nicht zu trennen. Denn Gott kann einzig und allein in Christus recht erkannt werden, wie es auch Matthäus 11.27 zu lesen ist.
Nachdem allerlei seiner göttlichen Kraft. – Der Apostel erinnert an die unzählbaren Erweisungen der Güte Gottes, welche die Leser schon erfahren hatten. Dadurch sollten sie für die Zukunft mehr Vertrauen gewinnen. Denn Gott hört nie auf, wohl zu tun bis ans Ende, oder vielmehr nur dann, wenn wir selbst durch unseren Unglauben Ihm in den Arm fallen. Denn Seine Macht ist unerschöpflich, und Sein Wille, wohl zu tun, ist immer gleich. So ermuntert denn auf Grund der früheren Wohltaten Gottes der Apostel mit Recht die Gläubigen zu guter Hoffnung. Das bezweckt auch die Fülle des Wortlauts. Denn er hätte sonst einfacher sagen können: „Nachdem Er uns alles geschenkt hat.“ Aber indem er von der göttlichen Kraft spricht, schwingt er sich höher empor; Gott hat ja die unermessliche Fülle Seiner Macht so reichlich entfaltet. Übrigens kann man dies auf Christus wie auf den Vater beziehen. Doch passt es besser zu Christus; als wenn er gesagt hätte: Die Gnade, die von Ihm auf uns ausgegossen ist, sei ein Abglanz der Gottheit. Denn das war kein Menschenwerk.
Was zum Leben und göttlichen Wandel dient, uns geschenkt ist. – Einige beziehen dies auf das gegenwärtige Leben, so dass der göttliche Wandel gleichsam als eine höhere Gabe zu jenem hinzutreten würde. Somit hätte Petrus an zwei Merkmalen beweisen wollen, wie wohlwollend und freigebig Gott gegen die Gläubigen sei, dass Er sie ans Licht gebracht, dass Er ihnen alles im Überfluss darreicht, was zur Erhaltung des irdischen Lebens dient; und dann, dass Er sie wiedergeboren zu einem geistlichen Leben, während Er sie selbst mit göttlichem Wandel schmückte. Aber diese Unterscheidung ist dem Petrus fremd. Dann hätte er also nicht nur das Leben erwähnt, sondern auch noch den göttlichen Wandel gleichsam als die Seele des Lebens aufgeführt. Erst dann macht uns Gott wahrhaft lebendig, wenn Er uns Seiner Gerechtigkeit untertan macht. Doch Petrus redet hier nicht von den natürlichen Gaben Gottes. Er preist nur die, welche Er Seinen Auserwählten insbesondere erteilt, sofern sie über die allgemeine Naturordnung hinausgehen. Dass wir als Menschen geboren, dass wir mit Sinnen und Verstand begabt sind, dass unser Leben nicht des notwendigen Unterhalts ermangelt, das ist freilich alles Gottes Gabe. Doch weil die Menschen in ihrer Undankbarkeit und Bösartigkeit diese, wie sie sagen, gemeinsamen Naturgüter nicht unter die Wohltaten Gottes rechnen, darum wird hier das gewöhnliche menschliche Leben nicht berührt; sondern der Apostel wählt die eigentlichen Gaben des neuen, geistlichen Lebens aus, welche ihren Ursprung im Reiche Christi haben. Wenn man aber zu den übernatürlichen Gaben Gottes alles zählt, was zu göttlichem Wandel und zum Heil führt, so mögen die Menschen lernen, sich nichts anzumaßen, sondern Gott demütig um alles zu bitten, was ihnen, wie sie sehen, fehlt; und wiederum mögen sie das, was sie Gutes haben, als von Ihm empfangen betrachten lernen. Denn Petrus schreibt hier die ganze Fülle des göttlichen Wandels, alle Heilsmittel, der göttlichen Macht Christi zu und entzieht sie dem Bereich gemeiner menschlicher Natur, so dass uns auch nicht das mindeste Tröpfchen von Kraft übrigbleibt.
Durch die Erkenntnis des, der uns berufen hat. – Jetzt beschreibt der Apostel, wie Gott uns solch großer Güter teilhaftig macht: Er offenbart sich uns nämlich durch das Evangelium. Denn Gotteserkenntnis ist der Anfang des Lebens und der erste Schritt zu göttlichem Wandel. Überhaupt kann keine Nießung geistlicher Gaben zum Heile dienen, solange man nicht, durch die Lehre des Evangeliums erleuchtet, Gott erkennt. Übrigens ist Gott der Urheber dieser Erkenntnis. Denn wir kommen nie zu Ihm, wenn wir nicht berufen werden. Also ist nicht unsere Scharfsichtigkeit, sondern Gottes Berufung die wirksame Ursache des Glaubens. Gemeint ist aber nicht die nur äußerliche Berufung, welche an sich unwirksam ist, sondern die innerliche, welche in einer geheimen Geisteskraft besteht, darin nämlich, dass Gott nicht nur mit Menschenstimmen die Ohren trifft, sondern innerlich durch Seinen Geist die Herzen zu sich zieht.
Durch seine Herrlichkeit und Tugend. – Petrus will den ganzen Ruhm unserer Errettung klar und deutlich Gott zuschreiben, um uns einzuprägen, dass wir alles Ihm danken. Wir sind ja ganz von Schmach bedeckt und völlig verkehrt, bis Gott uns in Seine Herrlichkeit kleidet und mit Seiner Tugend schmückt. Ferner ist damit gesagt, das sei die Wirkung der Berufung an den Auserwählten, dass Gottes herrliches Bild wieder an ihnen erneuert wird und sie zur Heiligkeit und Gerechtigkeit umgeschaffen werden.
Durch welche uns die teuren und allergrößesten Verheißungen geschenkt sind, nämlich, dass ihr dadurch teilhaftig werdet der göttlichen Natur. – Alles, was Gott uns verheißen hat, muss eigentlich und billigerweise als Ausfluss Seiner Tugend und Herrlichkeit betrachtet werden. Gottes Verheißungen sind sehr teuer zu halten. Aber sie werden uns anderseits als freies Geschenk dargeboten. Die Herrlichkeit der Verheißungen zeigt sich jedoch darin, dass sie uns schließlich der göttlichen Natur teilhaftig machen. Und was wäre köstlicher als das? Man darf nämlich nicht vergessen, aus welchem Abgrund uns Gott zu solch hohen Ehren emporhebt. Wir wissen ja, wie verworfen unsere Natur ist. Dass sich also Gott auf unsre Seite stellt, so dass all das Seine gewissermaßen unser ist – diese Fülle von Gnade können wir nicht genug erfassen. Darum muss uns diese eine Betrachtung reichlich genügen, um den Entschluss zu fassen, der Welt abzusagen und ganz dem Himmel zuzusteuern. Das Ziel, zu dem das Evangelium uns führen will, ist also: Dereinst Gott gleich zu sein, das heißt sozusagen, vergottet werden. Übrigens bezeichnet Natur hier nicht das Wesen, sondern die Beschaffenheit. Manche Menschen bilden sich ein, sie würden so mit der Natur Gottes überkleidet werden, dass dadurch unsere Natur völlig aufgehoben würde. So erklären sie das paulinische Wort: „Gott wird alles in allem sein“ (1. Korinther 15.18) und ebenso unsere Stelle. Aber den heiligen Aposteln sind solche Wahnvorstellungen nie in den Sinn gekommen. Sie wollten nur sagen: Wir werden alle Laster des Fleisches ablegen und der göttlichen Unsterblichkeit und seligen Herrlichkeit teilhaftig werden, so dass wir gleichsam eins mit Gott werden, soweit es unsere Art zulässt. Auch die Heiden haben es für das höchste menschliche Gut gehalten, Gott gleichförmig zu werden. Wir aber wollen die unnützen Grübeleien beiseitelassen und damit zufrieden sein, dass nach dem Reichsgesetz das Bild Gottes in uns erneuert wird in Heiligkeit und Reinheit, auf dass wir endlich am ewigen Leben und an der Herrlichkeit Anteil haben, um völlige Seligkeit zu genießen.
So ihr fliehet die vergängliche Lust der Welt. – Wir haben schon des Apostels Meinung erkannt: Die Aussicht auf die himmlische Herrlichkeit, zu der Gott uns einlädt, solle uns durch ihren Wert abziehen von der Eitelkeit dieser Zeit. Weiterhin stellt er der göttlichen Natur die Vergänglichkeit der Welt gegenüber. Aber der Apostel zeigt, dass diese nicht in den Kräften, die uns umgeben, besteht, sondern in unseren eigenen Herzen ihren Sitz hat. Dort herrschen ja die lasterhaften, bösen Regungen, deren Quelle und Wurzel in dem Wort „Lust“ oder „Begierde“ zum Ausdruck kommen.