2. Petrus Kapitel 1 Teil II

    2. Petrus 1.5-9

    So wendet allen euren Fleiß daran, und reichet dar in eurem Glauben Tugend, und in der Tugend Erkenntnis, und in der Erkenntnis Mäßigkeit, und in der Mäßigkeit Geduld, und in der Geduld Gottseligkeit, und in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und in der brüderlichen Liebe gemeine Liebe. Denn wo solches reichlich bei euch ist, wird´s euch nicht faul noch unfruchtbar bleiben sein lassen in der Erkenntnis unsres Herrn Jesu Christi; welcher aber solches nicht hat, der ist blind, und tappet mit der Hand, und vergisst der Reinigung seiner vorigen Sünden.  

    So wendet allen euren Fleiß daran. – Es ist eine harte, unendlich beschwerliche Arbeit, die Verderbnis, die in uns ist, abzulegen. Darum heißt der Apostel uns darnach streben und uns darum bemühen. Hier, so meint er, ist nicht der Platz, träge zu sein oder dem Rufe Gottes lässig und schläfrig zu folgen. Nein, eifrig und munter muss man sein: Lasst euch von keinem Versucht abschrecken und werft euch in den Kampf!

    Reichet dar in eurem Glauben Tugend, und in der Tugend Erkenntnis, und in der Erkenntnis Mäßigkeit, und in der Mäßigkeit Geduld, und in der Geduld Gottseligkeit, und in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und in der brüderlichen Liebe gemeine Liebe. – Hier gibt der Apostel den Gläubigen die Richtung an, in der sie sich bemühen sollen. Ihren Glauben müssen sie betätigen in ehrbaren Sitten, in Klugheit, Mäßigkeit und Liebe. Der Glaube darf also nicht nackt und leer sein, er muss vielmehr von jenen Eigenschaften begleitet werden. „Im Glauben darreichen“ heißt: Mit dem Glauben verbinden. Der Sinn der Worte ist: Gebt euch Mühe, dass zu eurem Glauben hinzukommen Tugend, Klugheit, Mäßigkeit usf. Unter Tugend ist ein ehrbares, wohlgeordnetes Leben, unter Erkenntnis ein verständiges Handeln zu verstehen. Nachdem Petrus nämlich im Allgemeinen geredet hat, zählt er einzelne hervorragende Gaben eines Christenmenschen auf. Die Bruderliebe besteht in der Liebe der Kinder Gottes untereinander. Die gemeine Liebe umfasst die ganze Menschheit.

    Doch kann man hier die Frage aufwerfen, ob Petrus, indem er uns die Aufgabe zuweist, Tugenden zur Entfaltung zu bringen, die Kraft und Fähigkeit dazu dem freien Willen rühmend beimesse. Die, welche dem Menschen die Willensfreiheit zugestehen wollen, räumen zwar Gott den Vorrang ein, Er beginne in uns zu wirken – aber sie geben vor, wir seien zugleich mittätig, und es sei daher eigentlich unser Verdienst, wenn die Regungen, die Gott hervorruft, nicht vergeblich und unwirksam blieben. Und doch tritt die Lehre der Heiligen Schrift diesem Wahn stets entgegen, denn sie bezeugt unverhohlen: Aufrichtige Regungen ruft Gott in uns hervor und führt sie zur Vollendung. Sie bezeugt auch, dass all unsere Taten und unser Beharren allein auf Gottes Kraft beruhen. Zudem rühmt sie ausdrücklich, dass Klugheit, Liebe, Geduld Gaben Gottes und des Geistes seien. Wenn darum der Apostel hier solche Betätigung verlangt, so meint er damit keineswegs, dass sie in unserer Kraft stünde. Er zeigt vielmehr nur, was wir schuldig sind, und was geschehen muss. Für die Frommen aber bleibt, wo sie ihrer eigenen Schwäche bewusstwerden und sehen müssen, wie es bei ihrer Pflichterfüllung mangelt, nichts anderes übrig, als ihre Zuflucht zur Hilfe Gottes zu nehmen.
    Denn wo solches reichlich bei euch ist, wird´s euch nicht faul noch unfruchtbar bleiben sein lassen in der Erkenntnis unsres Herrn Jesu Christi. – Dann erst, will Petrus sagen, beweist ihr, dass ihr Christus wahrhaft erkannt habt, wenn ihr mit Tugend, Mäßigkeit und anderen Gaben ausgestattet seid. Die Erkenntnis Christi ist nämlich etwas Wirksames, eine lebendige Wurzel, die in Früchten zum Vorschein kommt. Denn wenn es heißt: „wird´ s euch nicht faul noch unfruchtbar sein lassen“, so ist damit ausgesprochen, dass die Erkenntnis Christi überall da falsch und eitel ist, wo sie der Liebe, Geduld und ähnlicher Gaben ermangelt, wie auch Paulus an die Epheser schreibt (4.20): „Ihr aber habt Christus nicht also gelernt. So ihr anders von ihm gehört habt und in ihm gelehrt seid, wie in Christus ein rechtschaffen Wesen ist. So legt nun von euch ab den alten Menschen, der sich verderbt usw.“. Denn wer Christus nicht durch einen neuen Wandel bekennt, der ist in Seiner Liebe niemals recht gegründet gewesen.

    Der Apostel will aber nicht nur, dass die Gläubigen mit Geduld, Gottseligkeit, Mäßigkeit und Liebe ausgerüstet seien, sondern er verlangt beständiges Fortschreiten und Wachstum dieser Gaben. Und zwar mit Recht. Denn noch stehen wir weit ab vom Ziele. Darum müssen wir immer weiter schreiten, auf dass Gottes Gaben in uns zunehmen.

    Welcher aber solches nicht hat, der ist blind, und tappet mit der Hand, und vergisst der Reinigung seiner vorigen Sünden. – Jetzt wird es noch deutlicher, dass, wer bloß auf den Glauben Gewicht legt, von der wahren Erkenntnis sehr weit entfernt ist. Petrus sagt von einem solchen Menschen: Er irre wie ein Blinder im Finstern umher, denn er bleibt nicht auf dem Weg, den das Licht des Evangeliums weist.

    Das bekräftigt er auch durch die Bemerkung: „Solche haben vergessen, dass sie durch Christi Wohltat von Sünden gereinigt sind.“ Und doch ist das der Anfang unseres Christentums! Folglich kennt ein Mensch, der sich um ein reines, heiliges Leben nicht kümmert, nicht einmal das ABC des Christenglaubens. Petrus nimmt aber für gewiss, seine Reinigung habe vergessen, wer sich noch im Fleischesschmutz wälze. Das Blut Christi ist uns ja nicht zur Reinigung gemacht, dass wir es mit unserm Schmutz besudeln dürften.

    Darum spricht er auch von den vorigen Sünden und will damit die Einsicht erwirken: Von dem Zeitpunkt der Reinigung unserer Sünden ab müsse ein anderes Leben geführt werden. Nicht, dass jemand rein von allen Fehlern sein könnte, solange er in der Welt lebt, oder aber, dass die Reinigung durch Christus lediglich in der Verzeihung bestünde; vielmehr unterscheiden wir uns notwendigerweise von den Ungläubigen, sobald Gott uns für sich ausgesondert hat. Obgleich wir also täglich sündigen und Gott uns täglich verzeiht und Christi Blut uns von Sünden reinigt, so darf die Sünde nicht in uns herrschen, sondern die Heiligung durch den Geist muss die Oberhand gewinnen. So meint es auch Paulus (1. Korinther 6.11): „Und solche sind euer etliche gewesen, aber ihr seid abgewaschen usw.“. 

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