2. Petrus 1.10-15
Darum, liebe Brüder, tut desto mehr Fleiß, euren Beruf und Erwählung fest zu machen; denn wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln, und also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang zu dem ewigen Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi. Darum will ich´s nicht lassen, euch allezeit solches zu erinnern, wiewohl ihr´s wisst, und gestärkt seid in der gegenwärtigen Wahrheit. Ich achte es aber billig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erinnern und erwecken; denn ich weiß, dass ich meine Hütte bald ablegen muss, wie mir denn auch unser Herr Jesus Christus eröffnet hat. Ich will aber Fleiß tun, dass ihr allezeit habt nach meinem Abschied solches im Gedächtnis zu halten.
Darum, liebe Brüder, tut desto mehr Fleiß, euren Beruf und Erwählung fest zu machen. – Der Apostel folgert: Dass wir von dem Herrn wahrhaft erwählt und nicht vergeblich berufen sind, können wir einzig dadurch beweisen, wenn dem Bekenntnis des Glaubens ein gutes Gewissen und ein reines Leben entsprechen; darum müsse man noch mehr Eifer und Fleiß anwenden. Schon früher hatte er ja gesagt, der Glaube dürfe nicht unfruchtbar sein. Den Beruf nennt er zuerst, obwohl er der Ordnung nach die zweite Stelle einnimmt. Der Sinn ist: Tut Fleiß, mit der Tat zu bezeugen, dass ihr nicht vergeblich berufen, ja erwählt seid.
Nun erhebt sich die Frage, ob der Bestand unserer Berufung und Erwählung sich auf gute Werke gründe? Wenn dem so ist, so folgt, dass er von uns abhängt. Und doch lehrt die ganze Schrift: Erst sei im ewigen Vorsatz Gottes die Erwählung von Seiten Gottes gegründet; alsdann beginne die Berufung durch Seine freie Güte und komme zur Ausführung. Gott beruft wirksam die, welche Er vor Grundlegung der Welt nach Seinem geheimen Rat zum Leben zuvor bestimmt hat. Und Er lässt aus reiner Gnade beständig das Wort der Berufung erschallen. Aber weil Er uns darum erwählt und beruft, dass wir rein seien und unbefleckt vor Seinen Augen, so wird dieses reine Leben mit Recht ein Kennzeichen der Erwählung und ein Beweis genannt, wodurch die Gläubigen nicht nur andern gegenüber als Kinder Gottes erwiesen werden, sondern sich auch selbst in diesem Glauben stärken, doch so, dass sie anderswo fest gegründet sind. Trotzdem ist die Festigkeit, die Petrus erwähnt, nicht auf das Gewissen zu beziehen, wie wenn sich die Gläubigen vor Gott als Erwählte und Berufene erkennen würden. Es geht einfach auf die Tatsache, dass die Festigkeit der Berufung in der Heiligung des Lebens in Erscheinung tritt. Die Hauptsache ist, dass sich die Kinder Gottes durch ein frommes, heiliges Leben von den Gottlosen unterscheiden. Denn das ist der Zweck der göttlichen Erwählung. Daran wird offenbar, wie unwürdig einige unreine Hunde Gott anbellen, wenn sie Seine freie Wahl zum Deckmantel jeglicher Zügellosigkeit machen; als ob man deshalb ungestraft sündigen dürfte, weil wir zur Gerechtigkeit und Heiligkeit bestimmt sind!
Denn wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln. – Wieder hat es den Anschein, als ob Petrus dem Verdienst der Werke zumesse, dass Gott unseren Heilsweg fördere und auch, dass wir im Gnadenstand beharren. Aber die Lösung ist leicht: Er wollte ja nur lehren, dass an den Heuchlern nichts Lauteres sei; dagegen die, welche ihre Berufung durch gute Werke als fest beweisen, nicht Gefahr liefen, zu fallen. Denn die Gnade Gottes, die uns erhält, ist unerschütterlich. So wird die Beständigkeit unseres Heils mitnichten in uns verlegt, wie auch gewisslich ihre Ursache außer uns liegt. Aber wer die Wirksamkeit des Geistes an sich spürt, den lässt Petrus gutes Muts in die Zukunft blicken. Denn der Herr hat in ihm selbst einen dauerhaften Grund der wahren, gewissen Berufung gelegt.
Die Art des Beharrens wird mit den Worten angegeben (Vers 11): Und also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang zu dem ewigen Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi. Das bedeutet: Gott wird euch bis in Sein Reich bringen, indem Er euch immer neue Gnaden in überreichem Maße zuteilwerden lässt. Das ist aber darum beigefügt, weil jener Übergang, obwohl wir ja schon aus dem Tode ins Leben hindurch gedrungen sind, doch noch ein Gegenstand der Hoffnung ist. Und bis zum vollen Genuss des Lebens bleibt uns noch ein weiter Weg, für den manches unentbehrliche Hilfsmittel uns fehlt. So begegnet denn Petrus etwas aufsteigenden Zweifeln mit den Worten: Der Herr wird eurer Not in hinreichender Weise entgegenkommen, bis ihr in Sein ewiges Reich eingegangen seid. Reich Jesu Christi sagt er, weil wir nur unter seiner Führung und Leitung nach dem Himmel streben.
Darum will ich´s nicht lassen, euch allezeit solches zu erinnern, wiewohl ihr´s wisst, und gestärkt seid in der gegenwärtigen Wahrheit. – Weil es den Anschein hat, als misstraue man dem Gedächtnis oder der Teilnahme eines Menschen, wenn man ihn oftmals an etwas erinnert, so entschuldigt sich der Apostel bescheiden, dass er den Gläubigen eine ihnen wohl bekannte, tief in ihre Herzen gegrabene Sache doch immer wieder vortrage; freilich erfordere dies die Wichtigkeit und Größe des Gegenstandes. Ihr habt zwar, so sagt er, die Wahrheit, die das Evangelium bietet, löblich gehalten; auch suche ich euch nicht zu festigen, als wäret ihr schwankende Rohre; aber bei einer so wichtigen Sache sind Ermahnungen niemals überflüssig. Sie dürfen darum auch nie beschwerlich fallen. Ähnlich entschuldigt sich Paulus den Römern gegenüber: 15.14.
Gegenwärtig ist die Wahrheit, weil die Leser sich durch den gewissen Glauben schon in deren Besitz gebracht haben. Petrus empfiehlt also ihren eigenen Glauben, damit sie desto standhafter auf ihm beharren.
Ich achte es aber billig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erinnern und erwecken. – Hier steht es noch klarer, wie nützlich und notwendig solche Ermahnungen sind. Sie wollen die Gläubigen erwecken; sonst beschleicht sie des Fleisches Schlaffheit. Wenn sie also auch keine Lehre bedürfen, so hält Petrus doch den Stachel der Mahnung für nützlich, damit nicht Sorglosigkeit und Nachgiebigkeit, wie so oft, das recht Gelernte verdecken und endlich vernichten.
Noch einen anderen Grund fügt der Apostel hinzu, warum er sich noch mehr zu diesen Mahnungen gedrängt fühle: Er wisse, dass ihm nur noch kurze Zeit beschieden sei. Fleißig, sagt er, müsse er die Zeit auskaufen. Denn der Herr hat mir kundgetan, dass ich nicht mehr lange auf dieser Erde wandeln soll. Daraus mögen wir lernen, unsere Mahnungen so zu gestalten, dass nicht das Volk, dem wir nützen wollen, glaube, es geschehe ihm unrecht; und wiederum: Den Tadel so einzukleiden, dass doch die Lehre freien Lauf hat und die Ermahnungen nicht aufhören. Solche Mäßigung aber hat da ihre Stelle, wo ein schärferer Tadel nicht am Platze ist, wo man vielmehr behutsam vorzugehen hat, da die betreffenden Menschen schon an sich ihren Pflichten Neigung entgegenbringen. Wir lernen auch an dem Beispiel des Petrus, dass wir, je kürzer unsere Lebensfrist ist, desto sorgfältiger uns der Ausübung unseres Berufs zu widmen haben. Gewöhnlich können wir ja unser Lebensende nicht im Voraus wissen. Aber wer schon bei Jahren ist oder eine wenige feste Gesundheit hat, der soll solche Anzeichen der Kürze seines Lebens beachten und desto fleißiger dafür sorgen, dass er beizeiten bestelle, was der Herr ihm aufgetragen hat. Und wer kerngesund ist und noch in der Blüte der Jahre steht, der soll sich durch das Gedenken an die Nähe des Todes zu derselben Sorge anspornen lassen, auf dass nicht die Gelegenheit, Gutes zu tun, enteile, während er faul und lässig an der Arbeit steht. Kann doch kein Mensch so anhaltend im Gehorsam gegen Gott stehen, wie es zu wünschen wäre!
Indes wollte Petrus ohne Zweifel für seine Lehre mehr Ansehen und Gewicht gewinnen, wenn er sagt, es liege ihm am Herzen, dass die Leser auch nach seinem bald bevorstehenden Tode solches im Gedächtnis hielten. Denn wenn einer zu uns spricht, der bald darauf aus diesem Leben scheidet, so betrachten wir seine Worte wie ein Vermächtnis und pflegen sie mit desto größerer Ehrfurcht aufzunehmen.
Dass ich meine Hütte bald ablegen muss. – Dieser Ausdruck und nachher der „Abschied“ bezeichnen den Tod. Darauf aufmerksam zu machen, ist der Mühe wert. Denn wir lernen dabei, welch ein Unterschied zwischen Tod und Untergang besteht. Ergreift uns allzu großes Entsetzen vor dem Tod, so hat dies seinen Grund darin, dass wir zu wenig daran denken, wie vergänglich und eitel dieses Leben ist und dass das künftige Leben kein Ende haben wird. Wie steht es aber bei Petrus? Den Tod nennt er einen Ausgang aus der Welt, um anderswohin zu wandern, nämlich zum Herrn. Wir brauchen also vor dem Tode keinen Schrecken zu empfinden, als wenn uns mit dem Tode die Vernichtung drohte. Er nennt ihn ein Ablegen der Hütte, die uns lediglich eine kurze Zeit birgt. Es ist somit kein Grund zur Trauer vorhanden (vergleiche 2. Korinther 5.1).
Was übrigens der Herr Jesus dem Petrus eröffnet hat, bezieht sich nicht auf die Todesart, sondern auf den Zeitpunkt seines Todes.
Wenn die Leser auch nach seinem Abscheiden solches im Gedächtnis halten sollen, so will das sagen: Die Nachkommen können auch von einem Toten lernen. Die Apostel haben ja nicht allein für ihre Zeit geschrieben. Sie wollten auch uns nützen. Darum lebt und wirkt ihre Lehre weiter, wenn sie auch nicht mehr am Leben sind. Und unsere Pflicht ist es, aus ihren Schriften Nutzen zu ziehen, gleich als wenn die Verfasser selbst zu uns redeten.