2. Petrus 2.9-11
Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen, die Ungerechten aber zu behalten zum Tage des Gerichtes, zu peinigen; allermeist aber die, so da wandeln nach dem Fleisch in der unreinen Lust, und die Herrschaft verachten, frech, eigensinnig, nicht erzittern, die Majestäten zu lästern; so doch die Engel, die größere Stärke und Macht haben, kein lästerlich Urteil wider sie fällen vor dem Herrn.
Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen. – Es ist ein Hauptärgernis für die Schwachen, sehen zu müssen, wie die Gläubigen voller Angst seufzen, aber nicht sogleich göttliche Hilfe erfahren dürfen; oder gar, wie der Herr bisweilen zulässt, dass sie sich in anhaltender Lauheit und Sattheit gleichsam verzehren; oder vollends, wie sich die Bösen ungestraft übermütig gebärden, während Gott schweigt und tut, als wolle Er bei ihren Vergehungen ein Auge zudrücken. Auf dieses doppelte Ärgernis geht Petrus hier ein. Er bezeugt nämlich, Gott wisse wohl, wann Er die Gottseligen aus der Versuchung erlösen solle; wir dürfen es Ihm also getrost überlassen. Darum müssen wir in Versuchungszeiten geduldig ausharren und nicht abfallen, wenn Er einmal gegen die Ungerechten nicht sofort einschreitet. Dieser Trost tut uns sehr not. Denn oft steigt die Frage in unserem Herzen auf: Wenn der Herr die Seinen unversehrt bewahren will, warum führt Er sie nicht alle miteinander an irgendeinen abgelegenen Winkel auf der Erde, damit sie sich dort gegenseitig zur Heiligung ermuntern? Warum pflanzt Er sie unter die Bösen, von denen sie nur beschmutzt werden? Wenn aber Gott es sich vorbehält, den Seinen zu helfen und sie zu schützen, auf dass sie nicht im Kampfe unterliegen, so heißt es für uns: Auf zu frischem Kampf! Die erste Vershälfte will also sagen: Alle Gottseligen müssen sich nach dem Willen des Herrn in mannigfachen Versuchungen erproben. Über den Ausgang aber dürfen sie guter Hoffnung sein; denn sie werden der Hilfe des Herrn niemals ermangeln.
Die Ungerechten aber zu behalten zum Tage des Gerichtes, zu peinigen. – In dieser Vershälfte zeigt der Apostel, wie Gott Sein Gericht handhabt: Er erträgt die Bösen eine Zeitlang, lässt sie aber doch nicht ungestraft hingehen. Gott hat nicht so große Eile, wie wir Menschen, zumal dann, wenn wir von entsetzlichen Schandtaten schwer verwundet sind. Da möchten wir ja nur zu gern, dass Gott alsbald mit Seinen Blitzstrahlen herniederführe. Und wenn Er es nicht tut, so verzweifeln wir daran, dass Er der Richter der Welt sei.
Damit uns also diese zeitliche Straflosigkeit der Schandtaten nicht in Verwirrung bringe, erinnert Petrus daran, dass Gott ja einen Tag des Gerichts festgesetzt habe. Die Verworfenen werden keineswegs der Bestrafung entgehen, wenn diese auch nicht sogleich zur Vollstreckung gelangt.
Das Wort behalten sagt eigentlich noch mehr, als es auf den ersten Blick scheint: Sie sind nicht der Hand Gottes entronnen, sondern, mit geheimen Banden umstrickt, werden sie festgehalten, um einst vor den Richterstuhl geschleppt zu werden. Für uns gilt es, dem jüngsten Gericht entgegen zu harren und in dieser Erwartung in Hoffnung und Geduld bis an unseren Tod zu streiten.
Allermeist aber die, so da wandeln nach dem Fleisch in der unreinen Lust, und die Herrschaft verachten, frech, eigensinnig, nicht erzittern, die Majestäten zu lästern. – Für sie steht ein schrecklicher Tag der Rache bevor. Denn wenn Gott alle mit Strafen heimsuchen wird, wie sollten die entkommen, welche sich wie wilde Tiere auf alle möglichen Gräueltaten stürzen?
Nach dem Fleisch wandeln heißt, sich den Fleischesgelüsten hingeben. Wie die stummen Tiere sich nicht von vernünftigen Erwägungen leiten lassen, so folgen diese Leute den Reizungen ihres Fleisches widerstandslos.
Unter unreiner Lust versteht der Apostel gemeine, zügellose Ausschweifungen, wo die Menschen alle Ehrbarkeit abstreifen, jedes Schamgefühl ablegen und sich der Unreinheit preisgeben. Das erste Zeugnis, das er ihnen ausstellt, ist: Es sind unreine, der Leichtfertigkeit ergebene Leute. Noch andere Zeugnisse reihen sich an: Sie verachten die Herrschaft und erzittern nicht, die Leute, welche Gott hoher Ehren würdigt, mit Schimpf und Lästerung zu überschütten. Beides bezieht sich auf dasselbe. Denn nachdem er gesagt hat: „Die Herrschaft verachten sie“, gibt der Apostel alsbald die Quelle dieser Bosheit an: „Sie sind frech und eigensinnig“. Und zuletzt, um ihre Hoffart in grellste Beleuchtung zu stellen, fügt er hinzu, sie scheuten sich nicht, das Ansehen der „Majestäten“ in den Kot zu treten. Es ist ja eine ganz ungeheuerliche Dreistigkeit, eine Obrigkeit für nichts zu achten, in welcher doch eine von Gott gegebene Ordnung zur Erscheinung kommt. Ohne Zweifel versteht Petrus unter „Majestäten“ Regierungen und Behörden. Obwohl es ja keine rechtliche Lebensordnung gibt, die nicht lobenswert wäre, so wissen wir doch, dass das Amt der Obrigkeit sich vor allen andern auszeichnet. Denn sie leitet die Menschen an Gottes Statt. Wahrhaft erhaben ist also dieses Amt, hinter dem Gott selbst steht.
Fassen wir zusammen, was der Apostel in der zweiten Vershälfte sagen will: Die Leute, von denen er spricht, sind Heißsporne gewesen, die nach Aufruhr und Empörung dürsteten. Niemand kann die Welt mit Gesetzlosigkeit beglücken, ohne eine Herrschaft der Unordnung aufzurichten. Diese Leute aber bewarfen die Obrigkeit in frechster Weise mit Schmutz, um dem öffentlichen Recht alle Achtung zu entziehen. Im letzten Grund war dies eine offene Verlästerung Gottes. Auch heutzutage gibt es solche zu Aufruhr geneigte Menschen, die behaupten, es gebe keine geheiligte und gerechte Gewalt, die sich eifrig bemühen, jegliche Staatsordnung über den Haufen zu werfen. Solche Schreckgestalten zaubert der Teufel auf den Plan, um den Lauf des Evangeliums zu verstören. Doch der Herr handelt gar freundlich mit uns; Er mahnt uns, uns vor diesem tödlichen Gift in Acht zu nehmen, und stärkt uns durch den Hinweis auf jenes alte Beispiel, dies Ärgernis zu überwinden. So sind auch die Papisten höchst unverschämt, wenn sie uns beschuldigen, durch unsere Lehre den Menschen die Waffen des Aufruhrs in die Hand zu geben. Wie wenn man dasselbe nicht auch einst hätte den Aposteln vorwerfen können, die doch gewiss in dieser Hinsicht sich keinerlei Schuld aufluden!
So doch die Engel, die größere Stärke und Macht haben, kein lästerlich Urteil wider sie fällen vor dem Herrn. – Die unbedachte Dreistigkeit solcher Leute zeigt sich darin, dass sie sich mehr herauszunehmen wagen als selbst die Engel. Es ist freilich merkwürdig, warum Petrus es in Abrede stellt, dass die Engel kein lästerlich Urteil über die Obrigkeiten fällten. Wozu sollten sie denn eine heilige Ordnung befehden, von der sie wissen, dass Gott sie geschaffen hat? Wozu sollten sie sich wider Gewalten auflehnen, von denen ihnen nicht verborgen ist, dass sie demselben Auftrag dienen wie sie, die Engel? Diese Fragen haben etliche veranlasst, die Aussage unseres Verses auf böse Engel, also auf Teufel, zu deuten. Aber wie könnte der Teufel, der doch der Urheber aller Lästerungen wider Gott ist, menschliche Obrigkeiten so glimpflich behandeln? Diese Ansicht wird auch durch den Judasbrief widerlegt. Petrus hat von heiligen Engeln geredet. Bedenken wir nur jene Zeitverhältnisse. Fast alle Obrigkeiten waren damals gottlos und blutdürstige Feinde des Evangeliums. Darum mussten ihnen die Engel als Wächter der Gemeinden Feind sein. Und doch entziehen sie der gottgesetzten Macht die Ehrerbietung nicht. Wie unbedacht stoßen dagegen die Menschen leichtfertige, zügellose Lästerungen aus!