Jakobus 4.11-12
Afterredet nicht untereinander, liebe Brüder. Wer seinem Bruder afterredet und richtet seinen Bruder, der afterredet dem Gesetz und richtet das Gesetz. Richtest Du aber das Gesetz, so bist Du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Es ist ein einziger Gesetzgeber, der kann selig machen und verdammen. Wer bist du, der du einen anderen richtest?
Afterredet nicht. – Man sieht, wie viel Arbeit Jakobus aufwendet, um die Tadelsucht zu beseitigen. Die Heuchelei ist immer stolz, und von Natur sind wir Heuchler und erheben uns begierig, nicht ohne den anderen Schmach zuzufügen. Eine zweite, dem menschlichen Gemüt gleichfalls eingeborene Krankheit ist die Sucht, dass jeder das Leben aller anderen nach seinem Willen gestaltet haben möchte. Diese Unbesonnenheit, dass wir unseren Brüdern das Gesetz des Lebens aufzulegen uns unterstehen, geißelt Jakobus an dieser Stelle. Unter dem Afterreden versteht er also alle Schmähungen und missgünstige Reden, die aus böser und verderbter Gesinnung fließen. Weit verbreitet und unverhüllt gähnt dieses Übel der Tadelsucht uns an. Aber hier zielt Jakobus auf jene eine, schon genannte Seite, dass wir mit gerunzelter Stirn über anderer Leute Worte und Taten befinden, als wenn unser mürrischer Eigensinn ihnen als Gesetz aufläge, dass wir mit selbstgewisser Sicherheit alles verurteilen, was uns nicht gefällt. Dass ein derartiges Selbstvertrauen hier gestraft werden soll, geht aus der hinzugefügten Begründung hervor.
Wer seinem Bruder afterredet und richtet seinen Bruder, der afterredet dem Gesetz und richtet das Gesetz. – Jakobus zeigt, dass jeder so viel dem Gesetz an Autorität entzieht, als er sich gegen seine Brüder an Autorität anmaßt. Das Afterreden wird der Ehrfurcht gegen das Gesetz, die wir ihm schulden, gegenübergestellt. Denselben Gedankengang verfolgt Paulus in Römer 14, wenngleich aus anderer Veranlassung. Damals wurden nämlich manche in der Auswahl der Speisen von den Stricken des Aberglaubens festgehalten, und sie verurteilten nun auch bei anderen, was sie für sich selbst als nicht erlaubt betrachteten. Da erinnert sie Paulus, es sei ein einiger Herr, dem wir alle stehen und fallen und vor dessen Richterstuhl wir alle gestellt werden müssen. Er schließt daraus, dass der, welcher die Brüder richtet nach seinem Gefühl, Gottes Vorrecht sich anmaßt. Jakobus aber tadelt die, welche den Brüdern den Ruhm der Heiligkeit durch ihr Verdammen abjagen. So setzen sie ihren mürrischen Eigensinn an die Stelle des göttlichen Gesetzes. Jakobus zielt in seinem Kampfe auf dasselbe wie Paulus: Nämlich, dass wir voreilig handeln, indem wir die Herrschaft über das Leben der Brüder an uns reißen, während Gottes Gesetz uns alle ohne Ausnahme in eine und dieselbe Ordnung zwingt. Wir sollen also lernen, dass allein nach Gottes Gesetz geurteilt werden muss.
So bist Du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. – Folgendermaßen ist der Gedankengang: Wenn du dir über das Gesetz Gottes eine richterliche Gewalt zuerkennst, so nimmst du dich schon von der Unterwerfung unter das Gesetz aus. Wer also den Bruder voreilig richtet, zerschlägt das Joch Gottes, da er ja der gemeinen Lebensregel sich nicht unterwirft. Es ist also ein Beweis aus dem Gegenteil: Wenn Menschen ihrer törichten Meinung Kraft und Autorität des Gesetzes beilegen, so sticht Beobachtung des Gesetzes weit ab von solcher Anmaßung. Wir folgern daraus, dass wir dann das Gesetz recht beobachten, wenn wir uns ganz und gar allein von Seiner Lehre abhängig machen, auch nirgends sonst her den Unterschied zwischen Gut und Böse bestimmen, wie ja dann auch alle Taten und Worte der Menschen in Anspruch genommen werden müssen. Gegenüber dem Einwurf, dass die Heiligen doch die Richter der Welt sein wollen, ist die Antwort sehr einfach: Nicht aus eigenem Recht kommt ihnen diese Ehre zu, sondern sofern sie Christi Glieder sind. Wenn sie aber jetzt dem Gesetz gemäß richten, so sind sie nicht als Richter zu betrachten, da sie ja allein Gott als ihrem eigenen und aller Welt Richter Gehorsam beipflichten. Was Gott anbetrifft, so kann Er nicht als Täter des Gesetzes beurteilt werden; Seine Gerechtigkeit steht über dem Gesetz. Aus der ewigen und unermesslichen Gerechtigkeit Gottes fließt das Gesetz erst wie ein Bach aus seiner Quelle.
Es ist ein einziger Gesetzgeber. – Der Gesetzgeber hat auch die Macht, zu erhalten oder zu verderben: Durch diese Gedankenverbindung macht Jakobus deutlich, dass die Leute, die sich das Recht der Gesetzgebung zuschreiben, an der ganzen Majestät Gottes sich räuberisch vergreifen. Solche Anmaßungen verüben aber doch in der Tat die, welche ihre Willkür anderen als Gesetz aufdringen. Erinnern wir uns indessen, dass hier nicht das äußerliche, obrigkeitliche Regiment verhandelt wird – bei ihm haben Verfügungen und Gesetze der Behörde ihre Stelle – sondern das geistliche Regiment der Seelen, bei dem allein dem Wort Gottes die Herrschaft zukommt. Allein Gott hat das Recht, die Gewissen an Seine Gesetze gebunden zu halten, demgemäß, dass Er allein Heil oder Untergang der Seele in Seiner Hand hat. Von hier aus ist die Entscheidung über menschliche Vorschriften, welche den Strick der Notwendigkeit in das Gewissen schleudern, klar. Manche wünschen uns mehr Bescheidenheit, wenn wir den Papst den Antichristen nennen, der Tyrannei über die Seelen übt, indem er sich zum gottgleichen Gesetzgeber macht. Aber aus dieser Stelle schließen wir bei weitem mehr; nämlich, dass die des Antichrists Glieder seien, die freiwillig solche Stricke anlegen und Christus bis zu diesem Grade absagen, indem sie ihm einen Menschen beiordnen, der nicht sterblich ist, sondern sogar sich gegen Christus erhebt. Das ist, sage ich, ein pflichtvergessener und dem Teufel geleisteter Gehorsam, wenn wir einen anderen Gesetzgeber zum Regiment der Seelen zulassen als Gott.
Wer bist du, der du einen anderen richtest? – Einige sind der Meinung, hier würden die Tadler an ihre eigenen Fehler erinnert, damit sie ihre Prüfung bei sich selbst möchten anfangen lassen. Wenn sie dann erwägen, dass sie um nichts reiner sind als andere, werden sie aufhören mit ihrer Strenge. Ich bin dagegen der Meinung, dass den Menschen hier einfach ihre Lage klargemacht wird, damit sie bedenken, wie weit entfernt sie sind von der Stufe, zu der sie sich erheben. Wie auch Paulus sagt (Römer 14.4): „Wer bist du denn, dass du einen anderen Knecht richtest?“