Jakobus 5.7-9
So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde, und ist geduldig darüber, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid ihr auch geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe. Seufzet nicht widereinander, liebe Brüder, auf dass ihr nicht verdammt werdet. Siehe, der Richter ist vor der Tür.
So seid nun geduldig. – Diese folgernde Redeweise zeigt, dass die bisherige, strafende Anrede an die Reichen denen zum Troste dienen soll, die eine Zeitlang den Belästigungen durch dieselben ungestraft ausgesetzt schienen. Denn nachdem Jakobus die Ursachen für die den Reichen drohenden Unwetter durchgegangen ist und dabei dieses einen gedacht hat, dass sie hochmütig und grausam die Armen beherrscht haben, fügt er gleich darnach hinzu, dass wir, die ungerechterweise Betrübten, eine Stütze unserer Geduld daran haben, dass der Herr dereinst richten wird. Darauf zielt die Erinnerung an die Zukunft des Herrn. Nicht ewig bleibt die heute sichtbare Verwirrung der Dinge in der Welt, weil ja der Herr mit Seiner Zukunft die Welt zur Ordnung zurückrufen wird. Deswegen mögen die Seelen in guter Hoffnung sich fassen. Nicht ohne Grund wird uns für jenen Tag die Herstellung aller Dinge versprochen. Wenn aber auch hin und wieder in der Schrift jede Offenbarung des Gerichts und der Gnade des Gottes, der den Seinen zu Hilfe eilt und die Gottlosen züchtigt, ein Tag des Herrn heißt, so möchte ich diese Stelle hier doch am liebsten von der letzten, endgültigen Befreiung deuten.
Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde, und ist geduldig darüber, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. – Dasselbe Bild rührt Paulus in 2. Timotheus 2. 6 eben an, wenn er sagt, der Ackermann müsse sich mühen, ehe er die Frucht erntet. Ausführlicher ist des Jakobus Rede darüber. Die tägliche Geduld des Ackermanns schildert er, der den Samen der Erde anvertraut hat und nun sicher oder wenigstens geduldig wartet, bis die Zeit der Ernte kommt, und nicht unmutig darüber ist, dass die Erde nicht gleich die reife Frucht bringt. Daraus schließt er, dass wir nicht übermäßig ängstlich sein dürfen, wenn jetzt Mühsal und Saat-Arbeit zu leisten ist, bis dass, der Ernte gleich, der Tag des Herrn erscheint. Dass die Frucht köstlich oder kostbar genannt wird, erklärt sich daraus, dass sie die Nahrung ist und zur Erhaltung unseres Lebens dient. Jakobus bedeutet uns aber mit dem Hinweis auf den Ackermann, der sein so kostbares Leben lange im Schoß der Erde verborgen liegen und seinen Wunsch auf Erntefrucht still ruhen lässt, dass wir allzu eilig und ungestüm sind, wenn wir den Tag unserer Erlösung nicht ruhigen Gemüts erwarten. Das Gleichnis einzeln auszuführen ist nicht nötig.
Frühregen und Spätregen bezeichnen die beiden Perioden, davon eine gleich auf die Saat folgt, während die andere die Reife bringt. Es ist die Redeweise der Propheten, die den Segen des Regens preisen, den Mose verheißen hatte (5. Mose 28.12; Joel 2.23; Hosea 6.3). An beide Perioden erinnert Jakobus, um die Tatsache eindrücklich zu machen, dass der Ackermann sich doch keineswegs durch Überdruss an der langen Wartezeit vom geduldigen Ausharren abbringen lässt.
Stärket eure Herzen. – Dem Einwurf, dass die Zeit der Befreiung zu weit hinausgeschoben werde, begegnet der Hinweis, der Herr sei wahrlich vor der Tür, Seine Zukunft sei nahe. Inzwischen gilt es, die Weichlichkeit der Seele zu beseitigen, welche die standhafte Hoffnung lähmt. Gewiss erscheint uns ja deswegen die Zeit des Wartens so lange, weil wir zu zärtlich und verwöhnt sind. Tragfähige, ausdauernde Kraft also müssen wir uns zu eigen machen; sie strömt uns aber aus keiner anderen Quelle besser zu als aus dem hoffenden Aufblick zur nahen Zukunft des Herrn.
Seufzet nicht widereinander. – Im Hinblick auf die Klagen vieler, dass sie schlechter als andere behandelt würden, hat man diesen Satz des Jakobus dahin ausgelegt, als ob er die Anweisung gebe: Jeder solle mit seinem Lose zufrieden sein, ohne Neid gegen andere, ohne Unmut darüber, dass die Lage anderer erträglicher sei als die eigene. Mir scheint die Absicht eine andere zu sein. Hat Jakobus oben auf den unheilvollen Ausgang der Leute hingewiesen, deren Gewaltherrschaft die Guten und Stillen bedrückt, so folgt nun die Mahnung an die Gläubigen, dass sie unter sich gelassen und zur Vergebung von Beleidigungen bereitwillig seien. Dass dies der eigentliche Sinn ist, erhellt aus der zugefügten Begründung: Verklagt nicht einer den anderen, damit ihr nicht alle verdammt werdet, heißt es. Seufzen dürfen wir, so oft etwas Böses uns quält, aber hier ist das einander verklagende Seufzen gemeint, mit dem einer den anderen vor dem Herrn belangen möchte. Auf diese Weise wird die Verdammnis aller die Folge sein; es hat ja jeder seine Brüder verletzt und Anlass zur Klage gegeben. Wenn die Einzelnen anfangen, sich zu beschweren, werden sie alle wechselseitig sich anklagen; ist doch niemand so unschuldig, dass er nicht Einige beleidigt hätte; Gott wird der gemeinsame Richter aller sein. Der schließliche Erfolg wird also nur der sein, dass jeder das Gericht, das er über andere zu bringen begehrt, gegen sich selbst loslässt, und dass sie alle zum gegenseitigen Verderben erhört werden. Niemand also fordere die Rache über andere heraus, der sie nicht auf sein eigenes Haupt herabziehen will. Und damit sie nicht unbedacht in solche Klagen sich stürzen, folgt die Ankündigung, der Richter stehe vor der Tür. Nach unserem Hang zur Entheiligung des Namens Gottes berufen wir uns ja schon bei den geringsten Anstößen auf Sein Gericht. Es gibt aber keinen besseren Zaum für unsere unbedachtsame Voreiligkeit als die Erwägung, dass unsere Anrufungen nicht in die Luft verfliegen, da ja Gottes Gericht nahe ist.