Jakobus Kapitel 5 Teil III

    Jakobus 5.10-11

    Nehmt, meine lieben Brüder, zum Exempel des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Die Geduld Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.  

    Nehmt, meine lieben Brüder, zum Exempel des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. – Der hier dargebotene Trost ist nicht der des gemeinen Sprichwortes, nach dem die Unglücklichen begehren, irgendwelche Genossen ihres Unglücks zu haben. Vielmehr solche Leute bietet uns Jakobus als Genossen an, zu denen gezählt zu werden höchst erwünscht, und deren Lage zu teilen gewiss kein Elend ist. Wie wir von tiefster Traurigkeit ergriffen werden müssten, wenn uns etwas Böses träfe, das niemals von Gotteskindern erfahren wurde, so ist das doch auch ein einzigartiger Trost, zu wissen, dass wir das Gleiche wie sie erfahren, und zu merken, dass wir für das Tragen des gleichen Jochs bereitet werden. Als Hiob (5.1) von seinen Freunden das Wort hörte, er möge doch an die Heiligen sich wenden: Wirst du einen finden, der dir ähnlich sei? – da war das des Satans Stimme, der ihn in Verzweiflung stürzen wollte. Auf der anderen Seite, wenn der Geist durch des Jakobus Wort zu guter Hoffnung uns erheben will, so zeigt Er uns alle Heiligen, die uns vorangehen, wie sie uns gleichsam die Hand reichen und mit ihrem Beispiel uns zum Sieg und zur Herrschaft über die Leiden einladen. Das menschliche Leben ist zwar ohne Unterschied der Trübsal und dem Unglück unterworfen, aber Jakobus zieht nicht jedermann zum Beispiel heran – es nützt ja nichts, mit der Menge unterzugehen – sondern die Propheten wählt er als Beispiele aus, in deren Gemeinschaft zu stehen selig ist. Nichts anderes zerbricht und entkräftet uns als die Empfindung des Elends. Darum ist das der rechte Trost, die Dinge, welche gewöhnlich als Übel angesehen werden, als Hilfsmittel unseres Heils zu empfinden. Das ist freilich etwas dem Verständnis des Fleisches sehr Fremdes; dennoch müssen die Gläubigen es für sich feststellen, dass sie selig sind, wenn sie durch allerlei Trübsal vom Herrn geprüft werden. Um zu dieser Überzeugung zu führen, heißt uns Jakobus darauf achten, wozu den Propheten ihre Leiden dienen mussten. Vom Druck eigener Übel, des Schmerzes, der Trauer oder irgendwelcher anderer übermächtiger Eindrücke ganz in Anspruch genommen, entbehren wir ja des klaren Urteils und haben keinen freien Blick, als vom Ungewitter unter trübem Himmel und mitten in Stürmen umhergeworfenen Leute – da ist es also sehr nötig, das Auge anderswohin zu richten, wo der Himmel gewissermaßen heiter und klar ist. Werden uns der Heiligen Trübsale erzählt, so wird keiner sie für elend und nicht vielmehr für selig anerkennen. Recht macht es also Jakobus, wenn er uns dies Vorbild vor Augen hält, damit wir lernen, uns dahin zu wenden, so oft wir durch Ungeduld oder Verzweiflung versucht werden. Er nimmt aber jene Voraussetzung, die Propheten in ihren Trübsalen für selig zu erklären, deswegen an, weil sie dieselben geduldig ertragen. Weil es sich so verhält, muss nach seiner Meinung dasselbe Urteil in unseren Leidenstagen gefällt werden. Er spricht aber von den Propheten, die geredet haben im Namen des Herrn, um darauf hinzuweisen, dass sie vor Gott angenehm und bewährt waren. Sicherlich hätte Gott sie also vor Leiden bewahrt, wenn es ihnen nützlich gewesen wäre. Er hat es nicht getan – also sind die Trübsale den Gläubigen heilsam. In dieser Hinsicht sollen jene zum Exempel des Leidens genommen werden; aber freilich muss die Geduld hinzukommen als wahres Zeugnis unseres Gehorsams; daher wird beides miteinander verbunden.

    Die Geduld Hiobs. – Über die Propheten ergeht die Rede allgemein; nun wird ein einzelnes, vor anderen ausgezeichnetes, Beispiel hervorgehoben. Denn keiner wurde (soweit man es den biblischen Geschichten entnehmen kann) je von so schweren und so verschiedenen Plagen betroffen; dennoch tauchte er aus so tiefem Abgrund wieder auf. Jeder, der seine Geduld nachahmt, wird also ohne Zweifel auch Gottes endlich errettende Hand in ähnlicher Weise erfahren. Da sieht man, zu welchem Zweck die Geschichten geschrieben sind. Gott hat Seinen Knecht Hiob, der geduldig sein Leiden trug, nicht gänzlich zu Boden drücken lassen, so wird kein Aufwand von Geduld vergebens sein. Doch erhebt sich die Frage, warum der Apostel denn die Geduld Hiobs so sehr preise, da Hiob doch, von blindem Ungestüm fortgerissen, so viele Beweise des Unmuts gibt. Ich antworte: Wenn er auch durch seines Fleisches Schwachheit hin und wieder zum Wanken kommt, ja auch im Innern in Aufruhr gerät, so kommt er doch immer dahin zurück, dass er sich ganz Gott überlässt, sich Ihm zur Zügelung und Regierung darbietet. Wenn auch immer etwas an seiner Geduld fehlen mag, so wird er deshalb doch nicht unverdient gelobt.

    Das Ende des Herrn. – Damit weist der Verfasser darauf hin, dass die Trübsale stets vom Ende her ihre Schätzung empfangen müssen. Anfangs nämlich scheint Gott fern zu sein; indessen wütet der Satan zügellos in dieser Verwirrung; das Fleisch flüstert uns ein, wir seien von Gott verlassen und verraten; weithin also müssen wir unseren Blick aussenden, weil kaum ein Lichtschimmer erscheint. Vom Ende, welches der Herr schafft, ist aber die Rede, weil es Gottes Art ist, dem Unglück den glücklichen Ausgang zu geben; wenn wir unsere Pflicht tun im gehorsamen Tragen, wird er es an Seinem Teil auch nicht im Geringsten fehlen lassen. Wenn uns nur die Hoffnung aufs Ende leitet, wird Gott selbst sich dort mehr als barmherzig zeigen, wie schroff und streng Er auch, während Er betrübt, erscheint.