Jakobus 5.16-18
Bekenne einer dem anderen seine Sünden, und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Elia war ein Mensch gleichwie wir; und er betete ein Gebet, dass es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate. Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen, und die Erde brachte ihre Frucht.
Bekenne einer dem anderen seine Sünden. – Ob ausgedrückt oder nicht, Verbindung mit dem Vorigen ist vorhanden. Gesprochen ist eben von der Vergebung der Sünden, welche Kranken auf das Gebet der Ältesten zuteilwird; nun wird hervorgehoben, wie nützlich es ist, wenn wir unsere Sünden den Brüdern aufdecken, da wir ja durch ihre Fürbitte Vergebung erlangen können. Es ist mir wohlbekannt, dass diese Stelle von vielen bezogen wird auf die Verzeihung von Beleidigungen, die einer dem andern angetan hat. Wer sich wieder aussöhnen will, muss natürlich erst seine Schuld anerkennen und eingestehen. Daher kommt es ja, dass eine Feindschaft einwurzelt, sich mehrt, ja unversöhnlich wird, weil jeder seinen Standpunkt aufs hartnäckigste vertritt. So meinen nun viele, Jakobus wolle im gegenseitigen Bekenntnis der Sünden den Weg zur brüderlichen Versöhnung aufweisen. Aber die Art und Weise seiner Aussage lässt ein anderes Ziel für sie erkennen. Die Verbindung nämlich der Fürbitte füreinander mit dem Bekenntnis voreinander deutet darauf hin, dass der Segen des Bekenntnisses in dem Beistand besteht, den das Gebet der Brüder uns bei Gott gewährt. Wer mit uns im Angesicht unserer Not steht, der empfindet auch den Antrieb zum Gebet, um uns zu helfen; wem unsere Gebrechen verborgen sind, der ist gewiss träge, uns zu helfen. Verwunderlich ist aber die Torheit oder Unredlichkeit der Papisten, die ihre Flüsterbeichte mit diesem Schriftzeugnis unterbauen möchten. Denn aus den Worten des Jakobus könnte man ja den Schluss begründen, nur die Priester hätten Beichte abzulegen. Denn wenn hier ein Bekenntnis voreinander oder, um es ganz deutlich zu sagen, ein gegenseitiges Bekenntnis gefordert wird, so kann dies Sündenbekenntnis doch nur solchen aufgelegt werden, die auch geeignet sind, ein solches gegenseitiges Bekenntnis entgegenzunehmen. Nehmen allein die Priester dies Recht für sich in Anspruch, so ist also allein auf sie das Gebot des Bekenntnisses zu beschränken. Aber ihre Torheiten sind der Widerlegung nicht wert; die gegebene, klare und natürliche Erklärung mag genügen. Die Worte besagen deutlich, dass nichts anderes der Zweck des gebotenen Bekenntnisses ist als eine Anregung derer, die unsere Gebrechen kennen, zu umso eifrigerer Hilfeleistung.
Des Gerechten Gebet vermag viel. – Damit niemand glaube, solche Hilfeleistung durch Fürbitte sei fruchtlos, werden Nutzen und Wirkung des Gebets hervorgehoben. Ausdrücklich wird das Gebet „des Gerechten“ genannt, weil Gott ja die Unfrommen nicht erhört und der Zugang zu Gott nur dem guten Gewissen offensteht. Nicht als ob unsere Bitten in der eigenen Würdigkeit wohl begründet wären, sondern das Herz muss im Glauben gereinigt sein, wenn wir uns vor Gottes Angesicht stellen wollen. Jakobus bezeugt also, dass die Gerechten oder die Gläubigen mit Nutzen und keineswegs ohne Wirkung für uns beten. Dass das Gebet „ernstlich“ sein soll, wäre buchstäblich zu übersetzen als „wirksam“. Aber was soll das heißen? Es ist doch eine überflüssige Wiederholung: „Das Gebet vermag viel, wenn es wirksam ist.“ Denn, wenn es „anhaltend“ ist, darf man nicht ohne weiteres übersetzen. Man könnte den Satz etwa so auflösen: Das Gebet richtet viel aus, weil es wirksam ist. So würde der Beweis aus dem Grundsatz geführt werden, dass Gott die Gebete seiner Kinder nicht vergeblich und unwirksam bleiben lassen will. Weil Er das nicht will, müssen ihre Gebete etwas vermögen. Ich möchte aber die Auslegung lieber recht aus der vorhandenen Lage herleiten; dann können unsere Bitten recht eigentlich als wirkende Mächte angesprochen werden, wenn uns eine ernste Notwendigkeit obliegt, die einen ernstlichen Drang des Gebets hervorruft. Täglich beten wir für die ganze Kirche, dass Gott ihr die Sünden vergebe; aber dann ist das Gebet wahrhaft in Übung, wenn wir uns anstrengen, denen zu Hilfe zu eilen, die in Not sind. Solche ernstliche Wirksamkeit kann das Gebet der Brüder nicht beherrschen, wenn sie nicht wissen, wie wir zu ringen haben. Also handelt es sich hier nicht um eine allgemeine Bemerkung, sondern man muss die besondere Verbindung mit dem Hauptsatz herstellen.
Elia war ein Mensch gleichwie wir; und er betete ein Gebet, dass es nicht regnen sollte, und es regnete nicht auf Erden drei Jahre und sechs Monate. Und er betete abermals, und der Himmel gab den Regen, und die Erde brachte ihre Frucht. – Zahllose Beispiele könnte der Verfasser hier aus der Schrift zum Beweise anführen, nur ein vor andern leuchtendes wählt er aus. Denn das war etwas Großes, dass Gott sozusagen den Himmel dem Gebet des Elia unterwarf, so dass er seinen Wünschen sich fügte. Den Himmel hielt Elia mit seinen Gebeten 3,5 Jahre verschlossen; wiederum öffnete er ihn, dass er plötzlich einen reichlichen Regenguss ergab – so ist die wunderbare Kraft des Gebets offenbar. Die in 1. Könige 17 und 18 aufgezeichnete Geschichte ist bekannt und berühmt. Wenn dort übrigens auch nicht ausdrücklich berichtet wird, dass Elia gebetet habe, so liegt doch der Schluss auf sein Gebet als die Ursache der Dürre und des Regens auf der Hand. Bemerkenswert ist aber die Anwendung des Beispiels. Jakobus sagt nicht, wir müssten Dürre vom Herrn erbitten, wie Elia diese erlangt habe; so könnten wir mit unbedachtem Eifer, tollkühn und töricht dem Propheten es gleichzutun uns bestreben. Vielmehr ist dies die für das Gebet festzuhaltende Regel, dass es aus Glauben kommen soll. Dahin zielt Jakobus mit der Anführung dieses Beispiels: Wenn Elia erhört wird, so werden auch wir bei rechtem Gebet erhört werden. Ist die für das Gebet gültige Vorschrift und Verheißung gemeinsam, so wird auch die Wirkung dieselbe sein; das ist ein logischer Schluss. Es soll aber niemand den Einwurf wagen, wir ständen doch weit unter dem erhabenen Elia. Darum stellt ihn Jakobus mit uns in eine Reihe und sagt, er sei ein sterblicher Mensch gewesen wie wir, denselben Leiden unterworfen wie wir. Deswegen ziehen wir ja so wenig Segen aus dem Beispiel der Heiligen, weil unsere Einbildung sie zu Halbgöttern und Heroen macht, für welche der Verkehr mit Gott ein eigentümliches Vorrecht gewesen sei. So entnehmen wir freilich ihrer Erfahrung von der Gebetserhörung seine Förderung unseres Vertrauens. Um diesen heidnischen und irreligiösen Aberglauben auszurotten, erinnert Jakobus an die Notwendigkeit, die Heiligen in der Schwachheit des Fleisches anzuschauen, damit wir es nicht ihren Verdiensten, sondern der Wirkung ihres Gebets zuschreiben lernen, dass sie alles vom Herrn erlangten. Hier erhellt, wie kindisch das Geschwätz der Papisten ist, die uns deswegen auf die Fürsprache der Heiligen verweisen, weil sie vom Herrn erhört seien. So schließen sie nämlich: Der Heilige erhielt, was er erbat, solange er in dieser Welt lebte, also wird er nun nach seinem Tode der beste Fürsprecher für uns sein. Eine solche Spitzfindigkeit ist dem Heiligen Geist fremd gewesen. Jakobus schließt ganz im Gegenteil: Weil ihre Bitten so Großes vermocht haben, so müssen wir heute ihrem Beispiel ähnlich bitten, und wir werden das dann nicht vergeblich tun.