Jakobus 2.1-4
Liebe Brüder, haltet nicht dafür, dass der Glaube an Jesus Christus, unseren Herrn der Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Denn so in eure Versammlung käme ein Mann mit einem güldenen Ringe und mit einem herrlichen Kleide, es käme aber auch ein Armer in einem unsauberen Kleide, und ihr sähet auf den, der das herrliche Kleid trägt und sprächet zu ihm: Setze du dich her aufs Beste, und sprächet zu dem Armen: Stehe du dort, oder setze dich her zu meinen Füßen – habt ihr dann nicht in euch selbst schon das Urteil empfangen und seid zu Richtern arger Gedanken geworden?
Auf den ersten Blick erscheint dieser Tadel unverständlich und töricht. Unter den Pflichten, die menschliche Rücksichtnahme uns auflegt, ist doch die jedenfalls nicht zu vergessen, dass man die in der Welt hervorragenden Leute ehre. Aber Jakobus missbilligt nicht kurzweg, dass die Christen den Reichen Ehre erweisen, sondern dass sie dabei die Armen beleidigen. Das erhellt noch besser aus dem folgenden, wo alles auf das Gesetz der Liebe zurückgeführt wird. Verurteilt wird eine Rücksicht, welche den Reichen derartig erhebt, dass dadurch dem Armen Unrecht geschieht. Das zeigt auch deutlich der ganze Zusammenhang. Und sicherlich ist doch eine Ehrenerweisung parteiisch und eitel, die dem Reichen unter Verachtung des Armen zuteilwird. Zweifellos herrschen ja auch Parteilichkeit und Eitelkeit, wo allein das Ansehen in dieser Welt im Werte steht. Festzuhalten ist an jenem Grundsatz: Wer die Gottlosen verachtet, ehrt aber die Gottesfürchtigen, der gehört zu des Gottesreiches Erben (Psalm 15.4). Hier wird der entgegengesetzte Fehler verurteilt, dass man aus bloßer Rücksicht auf den Besitz des Reichtums auch den Schlechten unter Verachtung der Guten Ehre erweist. Wie gesagt, liest man den Satz allein für sich: Es sündigt, wer vor den Reichen aufsteht – so ist er töricht; liest man aber im Zusammenhange: Es sündigt, wer allein den Reichen Ehre zubilligt, während er die Armen verachtet, ja beschimpft – so ist es eine fromme und wahre Lehre.
Dass der Glaube Ansehung der Person leide. – Will sagen: Ansehung der Person verträgt sich so schlecht mit dem Glauben an Christus, dass eine Vereinigung unmöglich ist. So ist es! Durch den Glauben wachsen wir zu einem Leibe zusammen, in dem Christus das Haupt ist. Wenn nun die weltlichen Ehrenerweisungen derartig das Übergewicht bekommen, dass sie, was Christo zukommt, stürzen, so ist klar, dass der Glaube zu wenig Kraft besitzt. Die Bezeichnung Christi als des Herrn Herrlichkeit fügt sich gut in den Zusammenhang. So groß ist ja Christi Glanz, dass Er leicht alle Herrlichkeit der Welt auslöscht, wenn Er nur unsere Augen anstrahlt. Wenn uns also die Bewunderung weltlicher Herrlichkeit noch in Beschlag genommen hat, so wird Christus von uns geringgeschätzt.
Setze du dich her aufs Beste. – Das heißt auf einen ehrenvollen Platz.
Habt ihr dann nicht in euch selbst schon das Urteil empfangen? – Man kann den Satz als Aussage oder als Frage fassen, es kommt auf denselben Sinn heraus. Jedenfalls findet Jakobus darin eine Vergrößerung ihrer Schuld, dass sie sich wohlgefallen oder sich nicht missfallen in so großer Schlechtigkeit. Frageweise aufgefasst gibt der Vers den Sinn: Hat nicht euer eigenes Gewissen euch überführt, so dass es eines anderen Richters gar nicht mehr bedarf? Aussageweise aufgefasst: Ihr unterscheidet nicht bei euch selbst und richtet nach argen Gedanken! Die Meinung wäre dann etwa: Das macht das Übel noch schlimmer, dass ihr nicht merkt, wie ihr sündigt, noch auch eure bösen Gedanken als solche erkennt.