Jakobus 2.8-11
So ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst,“ so tut ihr wohl; so ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn so jemand das ganze Gesetz hält uns sündigt an einem, der ist’s ganz schuldig. Denn der da gesagt hat: „Du sollst nicht ehebrechen,“ der hat auch gesagt: „Du sollst nicht töten.“ So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes.
Es folgt nun eine ausführliche Erklärung. Jakobus legt nämlich die Ursache des oben gegebenen Tadels offen dar: Nicht aus Liebe sind sie gegen die Reichen zuvorkommend, sondern aus eitlem Streben nach ihrer Gunst. Er gestaltet aber seine Darlegung so, dass er im Voraus die Entschuldigung seines Gegners behandelt. Nahe lag ja der Einwand, der sei doch nicht anzuklagen, der sich auch Unwürdigen gegenüber demütig beugt. Den Grundsatz gibt Jakobus freilich zu, zeigt aber, wie er von seinen Gegnern fälschlich zum Vorwand gebraucht werde, da sie solche Unterwerfung nicht etwa dem Nächsten beweisen, sondern einigen Leuten um ihres äußeren Ansehens willen. Im Vordersatz erkennt Jakobus an, alle Liebesdienste, die wir dem Nächsten erweisen, seien recht und des Lobes würdig. Im Nachsatz weist er ab, dass man in dieses Gebiet auch die schmeichlerische Rücksichtnahme auf das Ansehen der Person rechne. Diese steht weit ab vom Sinn des Gesetzes. Der Kern dieses Gegensatzes liegt in den beiden Worten: Nächstenliebe und Ansehen der Person. Jakobus sagt etwa: Wenn ihr für euer Tun den Schein der Liebe verwendet, so werdet ihr doch leicht widerlegt; denn Gott befiehlt (3. Mose 19.18), die Nächsten zu lieben, nicht aber nach dem Ansehen der Person einzelne auszuwählen. Dies Wort „der Nächste“ umfasst ja das ganze menschliche Geschlecht. Wer also nur einige wenige nach seiner Willkür sich zur Pflege vornimmt und andere dabei übergeht, der dient nicht dem Gesetz Gottes, sondern folgt dem schlechten Triebe seines eigenen Herzens. Ausdrücklich legt uns Gott Fremde und Feinde und was für verächtliche Menschen es sonst geben mag, ans Herz. Einer derartigen Anweisung ist das Ansehen der Person durchaus entgegengesetzt. Die Behauptung des Jakobus, das Ansehen der Person streite mit der Liebe, ist also durchaus richtig.
So ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst,“ so tut ihr wohl; so ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. – Das Wort „Gesetz“ verstehe ich einfach als Gebot. „Erfüllen“ heißt mit aufrichtiger Einfalt des Herzens es voll und ganz beobachten; es steht der teilweisen Erfüllung gegenüber. Von einem „königlichen“ Gesetz wird aber hier meines Erachtens gesprochen wie von einem „königlichen“, ebenen, geraden und gleichmäßigen Weg, wobei ein Gegensatz zu krummen Seitenwegen und Irrgängen leise anklingt. Doch ist auch, wie mich dünkt, eine Anspielung an den sklavischen Gehorsam bemerkbar, welchen die Leser den Reichen erwiesen, während sie doch in freimütigem Dienst gegen den Nächsten nicht nur Kinder, sondern sogar Könige sein könnten. Wenn es nun aber weiter heißt, dass Leute, welche die Person ansähen, vom Gesetz überführt würden, so wird nunmehr das Wort Gesetz im eigentlichen Sinn genommen. Denn da Gottes Liebesgebot alle Sterblichen umfasst, so zerreißt ein Mensch, der alle anderen mit Ausnahme weniger zurückstößt und dabei höchst Unwürdige den Bessern vorzieht, das von Gott geschaffene Band und damit Seine Ordnung, wird also mit Recht ein Übertreter des Gesetzes genannt.
Denn so jemand das ganze Gesetz hält uns sündigt an einem, der ist’s ganz schuldig. – Auf dies eine nur ist es hier abgesehen: Gott will nicht mit Auswahl bedient werden, noch auch so mit uns teilen, dass es uns freistünde, aus Seinem Gesetz herauszuschneiden, was uns weniger zusagt. Auf den ersten Blick scheint dieses Urteil einigen hart, als ob Jakobus der Übertreibung der Stoiker, die alle Sünden für gleich erklären, beigepflichtet hätte und behauptete, es müsse bei nur einer Übertretung ganz in derselben Weise gestraft werden, als wenn das ganze Leben schlecht und verbrecherisch gewesen sei. Aber dem Apostel ist nichts Derartiges in den Sinn gekommen; das ergibt auch der Zusammenhang. Immer muss man darauf achten, welchem Beweggrund eine Aussage entspringt. Es handelt sich um die Behauptung, dass das keine Nächstenliebe ist, wenn man nur einen Teil parteilich sich aussucht und andere vernachlässigt. Diese Ablehnung wird bewiesen: Es sei doch kein Gehorsam gegen Gott vorhanden, wo nicht ein gleichmäßiger, dem Gebote Gottes entsprechender Trieb zum Gehorsam walte. Wie Gottes Gebot einfach und vollständig ist, so kommt auch uns ein vollständiger Gehorsam zu, damit keiner von uns in böser Absicht zerreiße, was Gott zusammengefügt hat. Lasst uns also mit Gleichmäßigkeit verfahren, wenn wir Gott in rechter Weise gehorchen wollen. Wenn zum Beispiel ein Richter zehn Diebstähle straft, einen aber unbestraft lässt, so verrät er damit sein verkehrtes, böses Herz, weil er mehr über Menschen als über Verbrechen entrüstet ist; was er bei dem einen straft, verzeiht er beim anderen. Wir halten nun die Ansicht des Jakobus fest: Wir würden uns an allen Geboten schuldig machen, wenn wir aus Gottes Gesetz die uns weniger angenehmen Teile herausschneiden wollten, selbst wenn wir in allen übrigen Stücken peinlich gehorsam wären; denn wir verletzen mit dem einen Hauptstück das ganze Gesetz. Wenn auch dies Wort auf einen besonderen, vorliegenden Fall bezogen ist, so ist es doch aus dem allgemeinen Grundsatz erwachsen, dass Gott uns die Lebensregel gegeben hat, die zu zerreißen eben darum ein Frevel ist. Denn das Wort „Dies ist der Weg, denselbigen geht!" wird nicht etwa nur von irgendeinem Teil des Gesetzes gesagt, wie das Gesetz auch nur den allseitigen Gehorsam zu lohnen verspricht. Töricht ist deshalb die Rede der Scholastiker, die den teilweisen Gehorsam als verdienstlich ansehen, während doch sowohl diese Stelle wie andere mehr deutlich beweisen, dass es keine andere Gerechtigkeit gibt als nur die vollkommene Beobachtung des Gesetzes.
Denn der da gesagt hat: „Du sollst nicht ehebrechen,“ der hat auch gesagt: „Du sollst nicht töten.“ So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes. – Der vorangehende Satz wird nun durch die Erinnerung begründet, dass man mehr auf den Gesetzgeber achten müsse als auf die einzelnen Gebote für sich. Die gottgefällige Rechtschaffenheit ist gleichsam als ein unteilbares Ganzes vom Gesetz umfasst. Wer also ein Stück des Gesetzes übertritt, stellt diese Rechtschaffenheit ihrem vollen Umfang nach in Frage. Wie in dem einen, so will Gott überhaupt in allen einzelnen Stücken unseren Gehorsam bewährt sehen. Wer immer ein Gebot verletzt, heißt deshalb ein Gesetzes-Übertreter, jenem alttestamentlichen Wort gemäß (5. Mose 27.26): Verflucht ist, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt. „Gesetzes-Übertreter“ und „schuldig an allen Geboten“, das bedeutet für Jakobus dasselbe.