Jakobus 2.12-13
Also redet und also tut, als die da sollen durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden. Es wird aber ein unbarmherzig Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; und die Barmherzigkeit rühmet sicher wider das Gericht.
Also redet und also tut, als die da sollen durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden. – Einige legen das so aus: Weil die Leser sich übermäßig schmeichelten, werden sie vor das rechte Gericht geladen. Denn die Menschen sprechen sich nach ihrer Meinung frei, indem sie sich dem Gericht Gottes entziehen. Bei dieser Auffassung erinnert Jakobus also daran, dass alle Taten und Worte dort geprüft werden müssen, weil Gott die Welt nach Seinem Gesetz richten wird. Weil aber eine solche Ankündigung einen unmäßigen Schreck einjagen konnte, so meinen sie, die Härte werde erweicht und gebessert durch den weiteren Ausdruck „Gesetz der Freiheit“. Denn wir hören das Wort des Paulus (Galater 3.10): Alle die seien dem Fluch unterworfen, die unter dem Gesetz sind. Das Urteil des Gesetzes ist also an sich ein Urteil des ewigen Todes. Dieser Auslegung zufolge deutet Jakobus mit dem Worte Freiheit an, dass wir von der Strenge des Gesetzes befreit werden. Diese Auffassung ist nicht gänzlich unzutreffend, obwohl Jakobus bei genauerer Erwägung des Folgenden etwas anderes zu beabsichtigen scheint, nämlich dies: Wenn ihr nicht selbst des Gesetzes Strenge erfahren wollt, so seid auch nicht gegen euren Nächsten zu streng. Das „Gesetz der Freiheit“ bedeutet dasselbe wie die Milde Gottes, die uns vom Fluch des Gesetzes befreit. Man muss also diesen Vers im Zusammenhang mit dem folgenden lesen, wo das Tragen der Schwächen anderer besprochen wird. Gewiss ist dann der Zusammenhang im richtigen Flusse: Wenn keiner von uns vor Gott stehen bleiben kann ohne Lösung und Befreiung von der vollen Strenge des Gesetzes, dann müssen wir auch so handeln, dass wir nicht durch übermäßige Schärfe unserer Forderungen Gottes Verzeihung ausschließen, deren wir doch im höchsten Maße bedürfen.
Es wird aber ein unbarmherzig Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat. – Das ist die Anwendung des vorigen Verses auf den gegenwärtigen Fall, welche die oben gegebene, zweite Auslegung bestätigt. Der Inhalt ist: Weil wir allein durch Gottes Erbarmen Bestand haben, so müssen auch wir Barmherzigkeit üben an denen, die der Herr selbst uns befiehlt. Das ist doch eine ganz besondere Empfehlung der Freundlichkeit und Güte, wenn wir die Verheißung erhalten, Gott werde gegen uns barmherzig sein, wenn wir so gegen die Brüder gewesen sind. Nicht, dass Gottes Barmherzigkeit durch das, was wir davon haben und den Menschen erweisen, verdient würde! Aber Gott will, dass die, welche Er mit Absicht, ihnen ein nachsichtiger und freundlicher Vater zu sein, als Kinder annahm, auf der Erde sein Bild tragen und zeigen nach jener Forderung Christi (Lukas 6.36): Seid barmherzig wie euer himmlischer Vater. Umgekehrt ist zu merken, dass der Apostel nichts Härteres oder Schrecklicheres androhen kann als Gottes Gericht. Daher sind Leute, die keine Zuflucht zur Vergebung haben, mehr als elend und verloren.
Die Barmherzigkeit rühmet sicher wider das Gericht. – Die Meinung ist etwa: Allein Gottes Barmherzigkeit ist es, die uns von dem schrecklichen Gericht befreit. „Sich rühmen“ fasst Jakobus nämlich als siegreich oder überlegen sein. Das Urteil der Verdammnis liegt auf der ganzen Welt, wenn nicht die Barmherzigkeit zu Hilfe kommt. Hart und gezwungen ist die Auslegung derer, welche die Person unter dem Namen der Sache bezeichnet sehen wollen, als ob dastände „der Barmherzige“. Es rühmt sich auch nicht eigentlich der Mensch wider Gottes Gericht, sondern die Barmherzigkeit Gottes selbst triumphiert in gewissem Sinne und behält allein das Reich, während des Gerichtes Strenge aufhört. Gleichwohl stelle ich nicht in Abrede, dass ein zuversichtliches Rühmen dann entsteht, wen die Gläubigen erkennen, dass der Zorn Gottes sozusagen der Barmherzigkeit Platz macht, und wenn diese ihnen hilft, damit jener sie nicht erdrücke.